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"Das Ausbildungspersonal ist für die Umsetzung einer nachhaltigen Berufsbildung entscheidend"

Interview mit Moritz Ansmann (BIBB)

16. April 2024

Nicht mehr Ressourcen verbrauchen, als wieder zugeführt werden können – so kann nachhaltiges Handeln in einem Satz beschrieben werden. In der Berufsbildung wird diesem Prinzip schon längst eine besondere Bedeutung beigemessen, was nicht zuletzt durch die Standardberufsbildposition "Umweltschutz und Nachhaltigkeit" dokumentiert wird. Doch wer im eigenen Wirkungskreis ressourcenschonend agieren und eine Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) voranbringen möchte, benötigt dafür besondere "Skills": nachhaltigkeitsbezogene Kompetenzen. Hier setzt das Programm "Nachhaltig im Beruf – zukunftsorientiert ausbilden (NIB)" an, durch das im ersten Förderaufruf zahlreiche Kursangebote und Lehr-/Lernmaterialien (weiter)entwickelt werden, die das Berufsbildungspersonal entsprechend qualifizieren.

Aufkeimende Pflanze in Glühbirne

Nachhaltig im Beruf wird vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert, ist über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) kofinanziert und wird vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) fachlich begleitet. NIB zeichnet aus, dass es Ergebnisse vorangegangener Förderungen in die Umsetzung bringt und stärker mit bestehenden Angeboten der Berufsbildung verzahnt. Moritz Ansmann ist Leiter der Vernetzungsstelle und stellt das Förderprogramm im Interview mit Leando vor.

Projektlogo NaVeBb

Leando: In nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen ist der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit zu vernehmen. Womit muss sich die berufliche Bildung bei diesem Thema auseinandersetzen? Geht es um zusätzliche Inhalte und Fertigkeiten, die vermittelt werden müssen? 

Ansmann: Nein, nachhaltig handelt man ja nicht dann, wenn man einfach mehr tut, sondern wenn man in der Lage ist, die Perspektive zu ändern und daraufhin anders, nämlich umsichtiger, zu agieren. Insofern geht es auch in der Ausbildung eher darum, die schon bestehenden Inhalte durch die "Nachhaltigkeitsbrille" zu betrachten. Welche Folgen hat mein berufliches Handeln auf die Ressourcenbilanz, den Schutz der Umwelt, die Gesundheit von Menschen? Sind die Lieferketten meines Betriebs nicht nur effizient, sondern auch fair? Diese Fragen müssen in der Ausbildung diskutiert werden und die Antworten variieren je nach beruflichem und betrieblichem Kontext. Dafür sind lebendige Lehrmethoden erforderlich, die Nachhaltigkeit konkret erlebbar machen und nicht nur träges Wissen vermitteln. Es geht darum, praktische Handlungskompetenzen zu fördern und Fachkräfte damit ins Tun zu bringen.

"Nachhaltigkeit ist nicht nur eine Herausforderung, sondern in erster Linie eine Chance, Arbeitsprozesse zu innovieren, neue Märkte zu erschließen und Fachkräfte für sich zu gewinnen"

Moritz Ansmann

Das Konzept Nachhaltigkeit kann mitunter sehr abstrakt erscheinen und im Einzelfall wird der Nutzen vielleicht nicht immer erkannt. Deshalb die Frage: Warum lohnt sich eine nachhaltigkeitsbezogene Ausbildung für Betriebe überhaupt? 

Der Nutzen wird deutlich, wenn die abstrakte Leitidee mit konkreten betrieblichen Herausforderungen und Strategien verbunden wird. Ein Beispiel: Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz verpflichtet heute große Unternehmen dazu, in ihren Lieferketten umweltbezogene und menschenrechtliche Sorgfaltspflichten zu achten. Gleichzeitig müssen Betriebe heute auf ein stärkeres Nachhaltigkeitsbewusstsein ihrer Kundschaft reagieren – all das verlangt entsprechende Kompetenzen in den Betrieben. Dabei ist Nachhaltigkeit jedoch nicht nur eine Herausforderung, sondern eine Chance, nämlich dazu, Arbeitsprozesse zu innovieren, neue Märkte zu erschließen und Fachkräfte für sich zu gewinnen.

Moritz Ansmann (li.) und Robert Schäfer
Moritz Ansmann (li.), Leiter der Vernetzungsstelle im NIB-Programm, im Gespräch mit Robert Schäfer (Leando Content & Community-Management).

Was kann das Förderprogramm hierzu beitragen? 

Die nachhaltige Transformation von Betrieben geschieht nicht von selbst. Hier setzt das Programm an und schafft im Rahmen der Förderung von Projekten praxistaugliche Qualifizierungs- bzw. Weiterbildungsangebote, über die Fachkräfte zu Vorreitern, Ausbilderinnen und Ausbilder zu Multiplikatoren und Unternehmen zu Orten des nachhaltigen Wandels werden können. Damit unterstützen wir die Umsetzung der modernisierten Standardberufsbildposition "Umweltschutz und Nachhaltigkeit" in der Ausbildungspraxis. Der erste Förderaufruf legt den Schwerpunkt auf die Qualifizierung des ausbildenden Personals. 

Weil dieser Gruppe beim Thema Nachhaltigkeit eine besondere Rolle zukommt? 

Genau. Ausbilderinnen und Ausbilder gestalten die Lernsituationen und entscheiden, ob sie Ausbildungsinhalte etwa mit ökologischen Fragestellungen verknüpfen – oder eben nicht. Für Auszubildende fungieren sie zudem als Vorbilder und setzen Standards. Das Ausbildungspersonal ist damit für die Umsetzung einer nachhaltigen Berufsbildung entscheidend, vorausgesetzt, es ist für diese Aufgabe sensibilisiert, motiviert und auch qualifiziert. Aber häufig berücksichtigen die Standardformate der Weiterbildung die knappen zeitlichen Ressourcen und unterschiedlichen Bedarfe von Ausbilderinnen und Ausbildern nicht ausreichend. Hier brauchen wir zielgruppenspezifische Qualifizierungen – und diese wollen wir mit dem Programm schaffen und verbreiten.

"Die Bandbreite der Angebote reicht vom niedrigschwelligen Schnupperkurs bis zum umfassenden Zertifikatskurs."

Moritz Ansmann

Das Ausbildungspersonal kann also konkrete Hilfen für den Ausbildungsalltag erwarten? 

Unbedingt! Unser Programm hat sich ganz dem Ziel verschrieben, Qualifizierungsangebote für das ausbildende Personal flächendeckend auszurollen - und zwar praxistaugliche und passgenaue Angebote, analog wie digital, oft modular aufgebaut. Die Bandbreite der Angebote reicht dabei vom niedrigschwelligen Schnupperkurs bis zum umfassenden Zertifikatskurs. 

Welche Branchen stehen dabei im Fokus? 

Die Förderungen umfassen alle dualen Ausbildungsberufe gemäß Berufsbildungsgesetz und Handwerksordnung sowie Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen. Die Bandbreite der jetzt geförderten über zwanzig Projekte ist also sehr groß, schließlich haben alle Berufe das Potential, einen Beitrag zum nachhaltigen Wandel zu leisten. Besonders freut uns, dass viele Projekte Branchen adressieren, die für die Transformation besonders relevant sind und etwa die Bauwende, die Energiewende oder die Verkehrswende voranbringen werden.

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