Nachhaltigkeit als Ausbildungsinhalt
Nachhaltigkeit ist zu einem unverzichtbaren Element beruflicher Handlungsfähigkeit geworden. Die Modernisierung der Standardberufsbildposition "Umweltschutz und Nachhaltigkeit" bildet hierfür die inhaltliche Grundlage, sollte jedoch durch berufsspezifische nachhaltigkeitsbezogene Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten ergänzt werden. Hierzu wurde ein im Rahmen eines Modellversuchs des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) entwickeltes Themen- und Kompetenzraster für Nachhaltigkeit auf die Belange der Ordnungsarbeit zugeschnitten und exemplarisch erprobt.

Nachhaltig ist eine Entwicklung, "die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen".1 So lautet die Definition der Brundtland-Kommission für nachhaltige Entwicklung aus dem Jahr 1987. Die Offenheit des Begriffes, die sich mittlerweile in seiner fast inflationären Verwendung in unterschiedlichsten Zusammenhängen niederschlägt, führt rasch zu der Frage, aus welchen Facetten sich Nachhaltigkeit denn konkret zusammensetzt. Eine Antwort hierauf bieten beispielsweise die von den Vereinten Nationen formulierten 17 Ziele nachhaltiger Entwicklung ("Sustainable Development Goals") mit ihren insgesamt 169 Unterzielen, die am 1. Januar 2016 für eine Laufzeit von 15 Jahren in Kraft gesetzt wurden.2
"Hochwertige Bildung" stellt eines der Ziele dar. Demnach sollen bis 2030 "alle Lernenden die notwendigen Kenntnisse und Qualifikationen zur Förderung nachhaltiger Entwicklung erwerben, unter anderem durch Bildung für nachhaltige Entwicklung und nachhaltige Lebensweisen ...".3 Darin eingeschlossen sind auch die zum Erwerb beruflicher Handlungsfähigkeit zu vermittelnden Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten. Diese lassen sich sowohl berufsübergreifend, als auch berufsspezifisch fassen.
Berufsübergreifende Nachhaltigkeit
Seit dem 1. August 2021 ist die Standardberufsbildposition "Umweltschutz und Nachhaltigkeit" (siehe Abbildung) in allen modernisierten und neu entwickelten Ausbildungsberufen zu berücksichtigen. Sie stellt eine Weiterentwicklung der bisherigen Standardberufsbildposition "Umweltschutz" dar.
Standardberufsbildposition "Umweltschutz und Nachhaltigkeit"
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Bei der modernisierten Standardberufsbildposition wurde Bewährtes erhalten und um Neues ergänzt. Im Sinne eines vor- und nachlaufenden Umweltschutzes wurden die Buchstaben a, c und d fortgeführt, während im Kontext von Material- und Energieeinsatz (Buchstabe b) sowie Zusammenarbeit und Kommunikation (Buchstabe f) explizit die drei Dimensionen von Nachhaltigkeit aufgegriffen werden. Die eigentliche Neuerung findet sich im Buchstaben e. Hier geht das Vermitteln von Fertigkeiten, Kenntnissen und Fähigkeiten für Auszubildende durch Auszubildende in einen diskursiv-gestaltenden Prozess über.
Gemäß BIBB-Hauptausschuss-Empfehlung 172 wird darüber hinaus empfohlen, sie "in der Ausbildung sämtlicher Ausbildungsberufe ... integrativ im Zusammenhang mit fachspezifischen Fertigkeiten, Kenntnissen und Fähigkeiten während der gesamten Ausbildung zu vermitteln, auch wenn sie noch nicht in allen Ausbildungsordnungen enthalten [ist]."4
Dieser Standard erstreckt sich gleichermaßen auf alle derzeit 328 anerkannten Ausbildungsberufe und besitzt daher einen eher allgemeinen Charakter. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie darüber hinaus nachhaltigkeitsrelevante Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten berufsspezifisch identifiziert werden können.
Berufsspezifische Nachhaltigkeit
Über die Standardberufsbildposition hinausgehende nachhaltigkeitsrelevante berufsspezifische Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten sollen zukünftig durch ein mehrstufiges Verfahren, das auf einem im Rahmen von BIBB-Modellversuchen entwickelten Themen- und Kompetenzraster für Nachhaltigkeit5 basiert, identifiziert werden. Dieser Ansatz wird derzeit im Rahmen des BIBB-Vorhabens "Nachhaltigkeit in Ausbildungsordnungen verankern – ein systematisierter Ansatz für die Ordnungsarbeit" – kurz NAsA6 – auf die Belange der Entwicklung und Modernisierung anerkannter Ausbildungsberufe zugeschnitten.
Dreh- und Angelpunkt des Verfahrens ist das stichpunktartige Sammeln nachhaltigkeitsrelevanter Aspekte durch die an einem Ordnungsverfahren beteiligten Sachverständigen aus der betrieblichen Praxis. Sie verfügen im Hinblick auf Tiefe und Breite der beruflichen Handlungsfähigkeit über unmittelbare Erfahrungen und Einblicke, die nicht nur für die Gestaltung von Ausbildungsrahmenplänen unter Nachhaltigkeitsaspekten unverzichtbar sind. Die gewonnenen Aspekte werden durch die Projektverantwortlichen des BIBB im Anschluss dahingehend geprüft, auf welcher beruflichen Handlungsebene sie angesiedelt sind. Hier werden folgende Ebenen voneinander unterschieden:
- berufsspezifisch-profilgebend
- betrieblich-organisatorisch
- gesellschaftlich-unternehmerisch
Entscheidend sind die Inhalte auf der berufsspezifisch-profilgebenden Ebene. Hierbei handelt es sich – im Unterschied zum mittleren Management auf betrieblich-organisatorischer Ebene und zur Unternehmensführung auf gesellschaftlich-unternehmerischer Ebene – um solche Aspekte, die für dual ausgebildete Fachkräfte Handlungsrelevanz besitzen und insofern im Hinblick auf nachhaltiges Handeln unmittelbar Wirksamkeit entfalten können.
Die auf diesem Wege gefilterten Aspekte werden thematisch geclustert und daraus Vorschläge für verordnungsförmige formulierte Ausbildungsinhalte entwickelt. In einem weiteren Schritt werden diese Formulierungen geeigneten Stellen im Berufsprofil zugeordnet und schließlich mit den an einem Ordnungsverfahren beteiligten Akteuren erörtert und konsensual abgestimmt. Diese können die Formulierungen in der vorgeschlagenen Form übernehmen, anpassen oder verwerfen. Entscheidend ist dabei der Aspekt der beruflichen Handlungsrelevanz nachhaltigkeitsbezogener Inhalte und nicht deren quantitativer Umfang.
Die Schrittfolge zur Identifizierung und Verankerung berufsspezifischer Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten in betrieblichen Ausbildungsrahmenplänen:
- Sammeln von nachhaltigkeitsrelevanten Aspekten
- Profilieren von Handlungsebenen und berufsspezifischen Kompetenzdimensionen
- Strukturieren nachhaltigkeitsrelevanter Aspekte im Themen- und Kompetenzraster
- Formulieren von Fertigkeiten, Kenntnissen und Fähigkeiten aus geclusterten nachhaltigkeitsrelevanten Aspekten
- Zuordnen von formulierten Fertigkeiten, Kenntnissen und Fähigkeiten zu Berufsbildposition
- Überprüfen von Ergebnissen mit übergeordneten Leitideen
Werkzeugkoffer für Ausbilder/-innen in Vorbereitung
Um Erfahrungen mit dem NAsA-Ansatz zu sammeln, wurde er bislang in sieben Ordnungsverfahren genutzt. Zur Unterstützung dieses Vorgehens wurden die Ausbildungsrahmenpläne von Ausbildungsordnungen, die in den vergangenen fünf Jahren in Kraft getreten sind, auf Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten mit Nachhaltigkeitsbezug ausgewertet und ein Nachschlagewerk erstellt. Damit können bereits verordnete Ausbildungsinhalte als gedanklicher Anstoß für zukünftige Ordnungsverfahren nutzbar gemacht werden. Dieses Nachschlagewerk wird in einem weiteren Schritt zu einem Kompetenzbaukasten für Ordnungsverfahren ausgebaut. Darüber hinaus ist ein Werkzeugkoffer mit Hinweisen zur Umsetzung nachhaltigkeitsrelevanter Inhalte für Ausbilder/-innen in Vorbereitung.

