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Praktische Kfz-Gesellenprüfung zum ersten Mal mit digitaler Prüfungsstation

Projektbeteiligte stellen Durchführung im Video vor

Anfang Februar 2026 wurde zum ersten Mal in einer praktischen Gesellenprüfung der Kfz-Mechatroniker und Kfz-Mechatronikerinnen eine digitale Prüfungsstation eingesetzt. Rund 100 Auszubildende führten die Fehlerdiagnose an einem Kfz in einer Simulation durch – und zusätzlich an einem echten Fahrzeugsystem.

Person blickt auf einen Monitor an einem PC-Arbeitsplatz

Durch das Haus der Kfz-Gewerbes Dresden laufen Auszubildende mit konzentrierten Gesichtern. In dieser Februarwoche findet hier die praktische Gesellenprüfung (Teil 2) der Kfz-Mechatroniker und Kfz-Mechatronikerinnen statt. Täglich rotieren 24 Prüflinge an zwölf Stationen, an denen Fahrzeuge oder Fahrzeugsysteme aufgebaut sind. Sie müssen zeigen, wie sie diese nach Herstellervorgaben oder Vorschriften der Straßenverkehrszulassung überprüfen und instand setzen. Zum praktischen Teil der Prüfung gehört ebenso das Diagnostizieren von Störungen und deren Ursachen an einem Fahrzeugsystem – und hierfür kommt zum ersten Mal in der Geschichte der praktischen Kfz-Gesellenprüfungen eine rein digitale Prüfungsstation ins Spiel.

Video: Praktische Kfz-Gesellenprüfung mit digitaler Prüfungssituation

Hinweis: Dieses Video ist über den Youtube-Kanal des BIBB eingebunden.Wenn Sie dieses Video hier abspielen, erfolgt eine Datenübertragung an Youtubebzw. Google. Weitere Hinweise hierzu entnehmen Sie bitte unserer Datenschutzerklärung.

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Video: Praktische Kfz-Gesellenprüfung mit digitaler Prüfungssituation

Fehlerdiagnose am echten Fahrzeug – und an einer digitalen Station

Rund 100 Prüflinge absolvieren in der Kfz-Innung Region Dresden die Fehlerdiagnostik nicht mehr nur an einem realen Fahrzeug. Es kommt eine digitale Prüfungsstation hinzu, die über mehrere Monate in anderen Prüfungsbezirken der Region erprobt und vom zuständigen Gesellenprüfungsausschuss genehmigt wurde. Diesen komplexen und langwierigen Entwicklungsprozess sieht man der Station nicht an, die im Wesentlichen aus Rechner-Plätzen in einem Klassenraum besteht. 

Raum mit PC-Arbeitsplätzen

Prüflinge erhalten vor der Prüfung eine Einweisung in die Software

Mann steht vor einem Auto mit geöffneter Motorhaube
Max Hustig, Leiter der Berufsbildung im Haus des Kfz-Gewerbes Dresden

„Zunächst erhalten die Prüflinge per Video eine kurze Einweisung in die Software“, erklärt Max Hustig den Prüfungsaufbau. Hustig ist Leiter der Berufsbildung im Haus des Kfz-Gewerbes Dresden. Mit ein paar Trockenübungen sind die Prüflinge nach etwa einer Viertelstunde startklar für die eigentliche Fehlerdiagnose und -bearbeitung in der Software. „Der Umfang der Aufgabenstellung an der digitalen Station entspricht dem am realen Fahrzeug“, erläutert Hustig weiter. Weil die Prüflinge aber nicht täglich mit der Software arbeiten, wurde dies bei der Aufgabenerstellung und bei der einzukalkulierenden Zeit berücksichtigt. 

Fehlerdiagnose an digitaler Station hat viele Vorteile

Während der Prüfungsausschuss bei der Station mit echtem Fahrzeugsystem den Prüflingen bei allen Schritten über die Schulter schauen muss, werden die Bearbeitungspunkte an den digital simulierten Systemen alle automatisiert festgehalten, streicht Prüfer Maikel Lohse als besonderen Vorteil heraus. „So ist gewährleistet, dass sowohl jeder Fehler als auch jede richtige Messung festgehalten werden.“

Die Fehlerdiagnose biete sich für die Umsetzung einer digitalen Prüfungsstation besonders an, da der mentale Prozess hier im Vordergrund stehe, sagt Prof. Dr. Stephan Abele von der Professur für Berufspädagogik der TU Dresden, der die Entwicklung der Station von Anfang an begleitet hat. „Für die Diagnose müssen Informationen eingeholt und bewertet werden – das ist der eigentliche Kern des Diagnoseprozesses“. 

Dass die Prüflinge tiefer in Fehler einsteigen können, sieht Lohse als Vorteil der digitalen Station, die eine sehr gute Ergänzung zum Haptischen sei. Auch komplexe Fehlerszenarien könnten realistisch und reproduzierbar dargestellt werden. „Diese wären an echten Fahrzeugen im Rahmen einer Prüfung nur schwer oder gar nicht umsetzbar“, ergänzt Max Hustig. In der digitalen Station hingegen bliebe das Fahrzeug darüber hinaus zerstörungsfrei.
 

Das hat noch keiner gemacht ... Funktioniert die Technik?

Portrait einer Person
Peter Hesse hat die digitale Station während der Prüfung von der technischen Seite aus betreut.

Um Datensicherheit zu garantieren, nutzen die Organisatoren die interne Infrastruktur vom Haus des Kfz-Gewerbes für die Prüfung. Alle Inhalte liegen auf internen Servern. „Die Technik lief insgesamt flüssig und nur einmal ganz kurz etwas hakelig“, beschreibt Peter Hesse von der TU Dresden die Situation vor Ort. Er stand während der gesamten Prüfung für den technischen Support zur Verfügung. „Wir haben im Vorfeld sehr viel getestet und versucht, alle Eventualitäten zu beachten. An der Prüfung hängen schließlich Menschen und deren Karrieren“, macht er die Sorgen sichtbar, die das Team im Vorfeld umtrieb. „Am Freitag gab es dann tatsächlich ein Internetproblem“, sagt Hesse. Das betraf dann allerdings nur die anderen Prüfungsstationen, die mit realen Diagnosesystemen arbeiten, die über das offene Netz erreichbar sind. „Unsere Station lief unbehelligt weiter.“

Auch Bewertungsbögen sind digitalisiert

Die Datensicherheit spielt an diesen Tagen übrigens auch noch an anderer Stelle eine Rolle: An allen Prüfungsstationen liegen für die Prüfungsausschussmitglieder Tablets bereit, auf denen sie die Bewertung der Prüflinge vornehmen können. „Die Bewertungsbögen sind schon so voreingestellt, dass Punkte nur im jeweils für die Station vorgegebenen Rahmen eingetragen werden können“, erklärt Thorsten Gonser, der als Prüfungsverantwortlicher in diesen angespannten Tagen die Fäden in der Hand hält. Nach der Prüfung würde man so wesentlich schneller zu einem Ergebnis kommen, erklärt Gonser. Dann ruft ihn auch schon wieder das Handy zur Arbeit.

Blick auf ein Tablet
Digitale Bewertungsbögen unterstützen den Prüfungsprozess

Perspektiven für zukünftige Einsätze und Szenarien

Perspektivisch könne man die Station auf weitere Themen ausweiten, überlegt Lohse. Auf CAN-Bus-Datenübertragungstechnik zum Beispiel, oder es könnten auch Fehler an E-Autos in der Simulation gefahrfrei simuliert werden. Zwar dürfen auch Gesellen nur an eigensicheren Systemen arbeiten“, erklärt er. Dennoch gebe es bei der Arbeit am Hochvolt-Fahrzeug nicht nur in der Prüfung Berührungsängste. 

Wenn man sich ohne etwas kaputtzumachen, auf die Prüfung vorbereiten kann, nimmt das auch Prüfungsangst

Maikel Lohse, Prüfer

„Und darüber hinaus nicht nur bei E-Autos“, führt Lohse weiter aus. Er hätte sich gewünscht, vor seiner eigenen Prüfung am PC die Fehlerdiagnose üben zu können. „Wenn man weiß, dass man sich gefahrfrei und ohne etwas kaputtzumachen, so auf die Prüfung vorbereiten kann, nimmt das auch Prüfungsangst.“ 

Und die Prüflinge? Erstes Feedback

Nach fast jedem Durchlauf habe er jeweils ein paar Prüflinge nach Feedback gefragt, berichtet Lohse. Viele seien sehr gut damit klargekommen, andere fanden, es sei doch besser am echten Fahrzeug zu arbeiten. „Wenn man dann aber vergleicht, wie die Prüflinge bei der Diagnose am Fahrzeug und an der digitalen Station zurechtgekommen sind, sieht man im Ergebnis eigentlich keinen Unterschied“, sagt der Prüfer. Es gebe immer Personen, die sich mit Computertechnik schwertäten. „Allerdings sollten sich Kfz-Mechatroniker und -Mechatronikerinnen in der heutigen Zeit damit auskennen", findet er. „Gerade bei der Diagnosetechnik ist das relevant.“

Einen Prüfling dürfen wir dann auch noch selbst nach seinen Erfahrungen fragen. Er fand die Anwendung einmal etwas ruckelig, er hätte dann kurz warten müssen, bis es weitergegangen sei. Von seinen Prüfern wissen wir: Er hat beide Stationen gleichermaßen mit Bravour gemeistert.

Fehlerdiagnose am PC und am echten Fahrzeug

Portrait Person
Prof. Dr. Stephan Abele, Professur für Berufspädagogik, TU Dresden

Dieses Ergebnis ist für Stephan Abele nicht erstaunlich. Die Wissenschaftler hatten schon im Vorfeld des Einsatzes herausgefunden: „Die Korrelation zwischen den Ergebnissen, die Auszubildende an der digitalen Station und am echten Fahrzeug erzielen, ist sehr hoch“.

Dennoch solle in den Prüfungen weiterhin an echten Fahrzeugen gearbeitet werden. „Es wird nicht die gesamte Gesellenprüfung digitalisiert“. Und es könne auch keinesfalls Prüfer oder Prüferinnen ersetzen. „Uns geht es im Gegenteil darum, das Prüferehrenamt zu entlasten.“

Davon war schließlich auch der Gesellenprüfungsausschuss überzeugt, dessen Anforderungen an diesen Prüfungsteil herausfordernd waren. „Einige hatten zunächst Bedenken, dass das Haptische zu kurz kommen könnte. Schließlich waren sie aber überzeugt, dass Wissen und Können wichtiger sind als schwarze Hände“, lächelt Hustig.

Wissen und Können ist wichtiger, als dass sich die Auszubildenden die Hände schwarz machen.

Max Hustig, Leiter der Berufsbildung im Haus des Kfz-Gewerbes Dresden

 Neben der Umsetzung fachlicher Anforderungen und Bewertungskriterien war auch die konkrete Durchführung der Prüfung Thema: Während der Bearbeitung werden alle Handlungen des Prüflings aufgezeichnet. Anschließend werden sie mit einem Bewertungsschema abgeglichen, das zuvor mit dem Gesellenprüfungsausschuss abgestimmt wurde.
 

Simulationen werden auch in anderen dualen Ausbildungsberufen in Prüfungen eingesetzt. So etwa bei Eisenbahnerinnen im Betriebsdienst oder Brauern und Mälzern. Aufzeichnungen und digitale Protokolle von Handlungen sowie die Analyse der Prozessdaten unterstützen bei der Bewertung der Prüfungsleistung, die dem Prüfungsausschuss obliegt. 

Lange Entwicklungszeit bis zur realen Prüfung

Die digitale Station, die nun in Dresden in der praktischen Prüfung eingesetzt werden konnte, hatte eine lange Entwicklungszeit von der ersten Idee einer Computersimulation bis zur Umsetzung. „Beteiligt waren immer Praxispartner und Akteure der beruflichen Bildung“, blickt Abele zurück. Im engen Austausch mit dem Gesellenprüfungsausschuss wurden komplexe Szenarien entwickelt, wie Punktzahlen zustande kommen. Bewertungskriterien wurden überprüft und aus vergangenen Prüfungen Strukturen für ein Bewertungsschema entwickelt. Weitere Tests bezogen sich darauf, Bedienhürden auszuschließen.

Wir haben als Professur für Berufspädagogik in Dresden sehr viel Offenheit von Seiten der Prüfungsakteure erlebt.

Prof. Dr. Stephan Abele, Professur für Berufspädagogik in Dresden

Der Gesellenprüfungsausschuss in Dresden hatte hohe Anforderungen und wir mussten viel testen und planen, sagt Abele. „Ich war begeistert, wieviel konstruktive Beiträge, wie viel Offenheit und Neugier zu spüren war. Und am Ende hat es gut funktioniert.“ Ihn freut besonders, dass auch andere Innungen, Kammern und Landesverbände großes Interesse an der Entwicklung zeigen. „Ich bin zuversichtlich, dass die Geschichte, die wir hier in Dresden schreiben, weitergeht.“