Wo lässt sich in den Berufen Kauffrau/-mann für Versicherungen und Finanzanlagen sowie Steuerfachangestellte/-r konkret ansetzen in Sachen Nachhaltigkeit?
Porath: Beide Berufe sind sehr papierintensiv. Wenn man sich selbst nur an den letzten Versicherungstermin erinnert: Wie viel Papier hat man mit den AGB’s bekommen, zur Beratungsdokumentation oder mit dem tatsächlichen Vertrag selbst? Stattdessen sollte mehr auf eine papierlose Vertrags- und Dokumentengestaltung gesetzt werden. Daneben haben wir es in beiden Berufen mit einem ziemlich fahrintensiven Tagesgeschäft zu tun, was in einigen Regionen auch sinnvoll ist und von Kundinnen und Kunden durchaus erwartet wird. Trotzdem kann man sich die Frage stellen: Wo lässt man solche Treffen stattfinden? Und wo brauche ich diese persönliche face-to-face-Ebene wirklich?
Kohl: In den Branchen haben sich auch bereits viele Projekte von Auszubildenden mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt. Dort geht es dann beispielsweise um nachhaltige Büroausstattung oder Fragen wie: Was muss ich mit Blick auf die Lieferkette beachten? Wie kann man auch soziale Aspekte berücksichtigen? Diese Themen werden in der Versicherungswirtschaft projekthaft angegangen. Zum Teil werden bis zum Vorstand hoch Interviews geführt mit der Frage: Wie können wir als Konzern nachhaltiger werden? Da passiert also schon sehr viel.
Ist die Bereitschaft, sich dem Thema Nachhaltigkeit zu widmen, in diesen Branchen also besonders groß?
Kohl: Wir haben in jedem Fall einen höheren Handlungsdruck beim Thema Nachhaltigkeit. Die Ausbilderinnen und Ausbilder merken, dass plötzlich etwas vermittelt und geprüft werden muss, womit sie sich vorher vielleicht noch gar nicht auseinandergesetzt haben. Und sowohl für die Integration des Themas in die Ausbildung als auch in die mündliche Abschlussprüfung fehlt dann eigentlich das Handwerkszeug. Und hier kommt das Projekt NaVeBb ins Spiel?
Porath: Ja. Wir haben in einem Design-Thinking-Prozess zunächst für beide Berufe eine Bedarfsanalyse durchgeführt und auch bereits erste Prototypen unserer Qualifizierungsbausteine entwickelt, die sozusagen die Produkte unseres Projekts sind. Wir hatten dazu zwei eintägige Workshops vorbereitet, die in Präsenz stattgefunden haben. Der erste Tag war als Basis-Modul konzipiert. Teilgenommen haben haupt- und nebenamtliche Ausbilderinnen und Ausbilder, die diesen Prototypen in der Umsetzung erfahren und getestet haben. Sie haben auch Anregungen gegeben, wie wir diesen Prototypen weiterentwickeln können. Den zweiten Tag hatten wir als Aufbau-Modul konzipiert. Auch hier ist ein kompletter Schulungstag entstanden. Das Ganze wird jetzt in eine Online-Variante überführt und am Ende soll ein Schulungsangebot entstehen, das digitale Inhalte mit Präsenzveranstaltungen kombiniert.
Warum diese Mischung aus analogen und digitalen Teilen?
Porath: Unsere Ausbilderinnen und Ausbilder haben uns beim Testen der ersten Prototypen zurückgemeldet, dass es eine klare Präferenz für ein Blended-Learning -Konzept gibt. Deshalb wird es neben der Schulung in Präsenz bei NaVeBb viele Online-Bausteine geben, die in einem Lernmanagementsystem integriert sein werden. Dafür haben wir für beide Berufe Persona kreiert, die in ein Storytelling eingebunden sind – mit verschiedenen Charakteristika und persönlichen Geschichten. Durch diese Persona werden wir die Nutzerinnen und Nutzer durch das Lernmanagementsystem leiten. Bestehen wird die Lernwelt unter anderem aus einer multimedialen Mischung. Es wird Expertentalks geben oder auch eingebundene Podcasts. Wir werden auch mal einen Test haben oder einen aufgezeichneten Vortrag mit Präsentationsfolien anbieten. Vor allem aber wird es immer wieder komplexe Aufgabenstellungen geben, in denen man dazu aufgefordert wird, im eigenen Unternehmen Erkundungsaufträge durchzuführen. Übergeordnet geht es hier um Selbstlern- und Reflexionsphasen.
Wie werden die Qualifizierungsbausteine aufgebaut sein?
Porath: Es kristallisiert sich heraus, dass wir ein Basis-Modul haben werden. Zusätzlich denken wir an zwei Aufbau-Module mit Vertiefungen: Eines nur für die hauptamtlichen Ausbilderinnen und Ausbilder und eines für die nebenamtlichen Ausbilderinnen und Ausbilder. Dadurch haben wir eine Varianz in Umfang und Komplexität. Beim hauptamtlichen Ausbildungspersonal wird es auch eine Analyse der Curricula – entlang der Frage: Wie lässt sich umsetzen, was curricular vorgegeben ist? – geben, die bei den nebenamtlichen Ausbilderinnen und Ausbildern nicht im gleichen Detailgrad enthalten sein wird. Darüber hinaus haben wir auch speziell ein Modul für Prüferinnen und Prüfer geplant.
"Nahezu alles was wir in den Qualifizierungsbausteinen methodisch – also an Überlegungen, Reflexionen und Methoden – mit Ausbilderinnen und Ausbildern verwenden, können sie eins zu eins mit den Auszubildenden verwenden."
Prof. Dr. Jane Porath