Leando - ausbilden, prüfen, vernetzen

"Wichtig ist, dass wir den Transfer von allgemeinem Theoriewissen zu individuellen Praxisräumen schaffen"

Interview mit dem Projekt ZBN

10. September 2024

Johannes Vollbehr ist Mitgründer und Geschäftsführer des Berliner Start-Ups Prosumio, das im Rahmen des Förderprogramms "Nachhaltig im Beruf" (NIB) das Projekt "Zukunftsorientierte Berufsausbildung – Nachhaltigkeit in der Ausbildung verankern durch spielbasierte digitale Bildungswerkzeuge (ZBN)" gestartet hat. Der gelernte Zimmermann entwickelt mit seinem Team eine Sharing-Plattform mit angeschlossener App, mit der die Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz vermittelt werden können. Ausbilder/-innen kreieren dabei motivierende Lehr/-Lernsettings, die Auszubildenden die Chance geben, nachhaltigkeitsorientierte Handlungskompetenz zu entwickeln. Im Gespräch mit Leando erklärt Vollbehr, warum Lernen durch Aktion so wichtig ist, wo sich beim Thema Nachhaltigkeit branchenübergreifende Anknüpfungspunkte finden lassen und wie man mit digitalen Wassertropfen einen Baum zum Wachsen bringen kann.

Johannes Vollbehr

Leando: Nachhaltigkeit ist längst kein Nischenthema mehr und Dreh- und Angelpunkt Ihres Projekts, das sich auch an betriebliches Ausbildungspersonal wendet. Für Fragezeichen kann der Begriff trotzdem noch sorgen, oder? 

Vollbehr: Nachhaltigkeit und Umweltschutz in der Ausbildungspraxis zu integrieren ist eine große Herausforderung. Es gibt einige Personen, die bei diesem Thema schon richtig engagiert sind und Unternehmen, die Good-Practice-Beispiele umsetzen. Es gibt aber auch viele Menschen, für die das Thema erstmal neu ist, obwohl sie ein Verständnis dafür haben, dass Nachhaltigkeit sehr wichtig für die Zukunft ist. 

Was könnten die Ursachen sein? 

Es fehlen greifbare Lernkonzepte, modulare Methoden und digitale Werkzeuge, die man einfach in der Ausbildung anwenden kann und mit denen Auszubildende sich zeitgemäß angesprochen fühlen. Von daher sind viele Leute auch dankbar, wenn sie von unserem Projekt erfahren, weil sie hier ein konkretes Werkzeug in die Hand bekommen, das den Ausbildungsalltag und die Integration von Nachhaltigkeitsthemen leichter macht. 

In diesem Fall ist das Werkzeug eine App. Warum? 

Das Feedback aus vielen Workshops zeigt, dass genau dies der Weg ist, junge Menschen zu erreichen, denn sie sind als digital Natives im digitalen Raum, zu dem Computer, Tablet und Smartphones gehören, zu Hause. Mit der App können Ausbilderinnen und Ausbilder die Auszubildenden genau dort abholen. Und durch die Gamification – also den spielerischen Charakter der Anwendung – sind Elemente enthalten, die es leichter machen, ein motivierendes Lernumfeld zu schaffen. 

Wie kann Ausbildungspersonal lernen, diese App richtig einzusetzen? 

Das Kernelement von unserem Projekt ist die Train-the-trainer-Schulung im Blended-Learning -Format, bei der Ausbilderinnen und Ausbildern aufgezeigt wird, wie man die Standardberufsbildposition Umweltschutz und Nachhaltigkeit vermittelt. So können sie letztlich selbst passende Inhalte für ihre Ausbildung entwickeln – über Lernkarten, die in der App integriert sind und mit einer bestimmten Gruppe, etwa den eigenen Auszubildenden im Betrieb, geteilt werden können. 

Und diese Lernkarten muss man selbst erstellen? 

Einige Karten werden vom Projektteam erstellt und sind von Beginn an in der App enthalten. Daneben gibt es einen wachsenden Pool von Lernkarten, die von anderen Ausbilderinnen und Ausbildern erstellt werden – zu ihren spezifischen Fachbereichen, die man filtern kann. So wächst die "Sharing-Plattform", mit der die App verknüpft ist. Wir arbeiten auch mit Universitäten und weiteren Bildungsorganisationen zusammen, die Bildungsmaterialien als OER zur Verfügung stellen. Deshalb muss man nicht alles komplett neu erarbeiten oder recherchieren.

Menschen auf Baustelle
Mit der Prosumio App kann Ausbildungspersonal durch digitale Lernkarten motivierende Lehr-/Lernsettings schaffen. Ermöglicht wird, dass Auszubildende durch eigenes Tun ihre nachhaltigkeitsbezogenen Kompetenzen stärken – spielerisch und zielgruppengerecht.

Bedeutet "Sharing-Plattform", dass man eigene Inhalte immer teilen muss? 

Das Teilen von Lernkarten ist optional. Es ist ja auch nicht so, dass neue Lernkarten automatisch gut und verständlich sind. In der Praxis müssen die Lernkarten erstmal getestet werden – hier von den Auszubildenden. So erkennen Ausbilderinnen und Ausbilder, ob die von ihnen entworfene Aufgabenstellung angemessen schwierig und verständlich ist. Wenn sich etwa eine Wissenskarte bewährt hat, kann man sie zur Veröffentlichung freigeben. Dann geht die Karte bei uns noch durch einen Review-Prozess, wodurch eine Qualitätssicherung gegeben ist.

"Die Auszubildenden erleben ihr eigenes Können, indem sie eigene Ideen entwickeln, selbst planen und selbstbestimmt Entscheidungen treffen."

Johannes Vollbehr

Gibt es verschiedene Arten von Lernkarten? 

Es gibt Wissenskarten, über die Fachinhalte zu Nachhaltigkeit und Umweltschutz geteilt werden. Diese werden von den Ausbilderinnen und Ausbildern erstellt. Dazu können dann Aktionskarten gestartet werden, bei denen es darum geht, dass die Auszubildenden selbst aktiv werden und Projekte umsetzen. Diese Aktionen können sie dann durch Fotos und Videos dokumentieren – wodurch auch eine Art Lerntagebuch entsteht. Alle Auszubildenden können sich an diesen Aktionskarten beteiligen und somit erhält auch die Ausbilderin oder der Ausbilder eine Übersicht darüber, was gerade passiert. Somit können die durch die App erstellten Lehr- Lernsettings digital begleitet werden. 

Welches didaktische Konzept steckt hinter den Aktionskarten? 

Es geht bei Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) ja im Kern darum, nachhaltigkeitsorientierte Handlungskompetenz zu entwickeln. Diese entwickelt man durch Erfahrungen, die man selber macht. Dafür braucht es aktivierende Aufgabenstellungen oder Challenges, die als grobes Ziel in einem offenen Lehr-Lernsetting eine Orientierung geben. Die Auszubildenden erleben ihr eigenes "Können", indem sie eigene Ideen entwickeln, selbst planen und selbstbestimmt Entscheidungen treffen. Dieser Ansatz ist viel effektiver, als das bloße Abarbeiten von Arbeitsaufträgen. Wichtig ist, dass wir den Transfer von allgemeinem Theoriewissen zu individuellen Praxisräumen schaffen, in denen Veränderung stattfinden kann. Dieser Transfer wird über die praxisbezogene Aktion gefördert. 

Wie hält die App die Spieler/-innen bei diesen Aktionen bei Laune? 

In der App wird die eigene Wirksamkeit dadurch visualisiert, dass man durch das Spielen von Karten und das gemeinsame Durchführen von Aktionen Wasserpunkte sammeln kann, die wiederum den sogenannten "Impact Baum" zum Wachsen bringen. Dieser visualisiert den eigenen Lernfortschritt als eine Art Lernhistorie, die man auch reflektieren kann. Diese spielerischen Elemente erhöhen die Motivation, die App langfristig zu nutzen. 

Wenn die Rede von digitalen Werkzeugen ist, landet man mittlerweile auch schnell bei Künstlicher Intelligenz (KI). Welche Rolle spielt dieses Thema in der Prosumio App? 

Es ist uns sehr wichtig bei den Train-the-trainer-Schulungen auch KI zu thematisieren. Wir zeigen zum Beispiel auf, wie man mit Hilfe von KI Aufgaben generieren oder die Technologie für Korrekturen einsetzen kann. Wir fragen aber auch: Welche Risiken birgt diese Technologie? Wir müssen nämlich immer auch ethische, moralische und datenschutzrechtliche Aspekte berücksichtigen. Dafür möchten wir sensibilisieren und dafür bieten wir den Raum zum Austausch. 

Welche "Stolperfallen" kann es bei KI denn geben? 

KI-Tools eignen sich sehr gut, um kritisches Denken zu fördern. Die Informationen, die ein Sprachmodell liefert, sollte man nämlich immer mit anderen Quellen abgleichen, was eine gute Aufgabe für Auszubildende ist. Man darf nicht den Fehler machen, dass man ein KI-Sprachmodell als ein Tool zur Wissensgenerierung betrachtet. Stattdessen reproduziert diese Technologie nur bereits vorhandenes Wissen - und baut dieses am Ende nicht immer so zusammen, dass es sinnvoll ist.

"Auszubildende sollten die Chance haben, selbstwirksam in ihrem Berufsleben eine nachhaltige Zukunft mitzugestalten."

Johannes Vollbehr

Welche Themen stehen exemplarisch für den Umgang mit Nachhaltigkeit? 

Ein Thema, das in vielen Branchen Anknüpfungspunkte findet ist Kreislaufwirtschaft. Hierbei geht es darum, Produktkreisläufe ganzheitlich zu denken – von der Rohstoffgewinnung, über die Herstellungsphase, den Transport und die Nutzung sowie das Recycling des Produkts. Entscheidend ist die Frage, wie die Nutzungsphase möglichst weit ausgedehnt werden kann, etwa durch Reparaturen. Das erforderliche Fachwissen dazu eignet sich sehr gut, um Auszubildenden die Möglichkeit zu geben, daraus Aktionen zu entwickeln. 

Und so eine Aktion können Ausbilderinnen und Ausbilder starten? 

Ja, eine Ausbilderin oder ein Ausbilder kann eine Aktionskarte mit einer Challenge erstellen. Die Aufgabe für die Auszubildenden würde lauten: Entwickelt Ideen, wie wir besser mit dem im Betrieb anfallenden Müll umgehen können. Die Auszubildenden müssten dann schauen, welche Rohstoffe im Müll des eigenen Betriebs enthalten sind und wie man diese recyclen bzw. upcyclen könnte. Das kann beginnen mit einer kleinen Recycling-Station, die von den Auszubildenden in einer Werkstatt eingerichtet wird und soweit führen, dass mit mehreren Kolleginnen und Kollegen in der Firma neue Prozesse entwickelt werden, wie effizienter mit Rohstoffen umgegangen wird. 

Fokussiert sich das ZBN-Projekt und damit die Prosumio App auf bestimmte Branchen? 

Wir fokussieren uns zunächst auf die transformationsrelevantesten Branchen. Das ist zum einen die Baubranche, in der ein sehr großer Anteil der Klimaemissionen entstehen. Dort gibt es ein enormes Abfallaufkommen und somit sehen wir hier ein riesiges Potenzial um etwas zu bewegen. Und auch die Mobilitätsbranche ist sehr transformationsrelevant. Wir schließen aber keine Branchen aus, denn Nachhaltigkeit und Umweltschutz sind überall wichtig! 

Kann die App auch einen Beitrag zur Stärkung der Lernortkooperation leisten? 

Im Rahmen eines Planspiels haben wir ein Lehr- Lernsetting in der Mobilitätsbranche erprobt, an dem Lehrkräfte eines Berliner Oberstufenzentrums sowie Ausbilderinnen und Ausbilder eines Verkehrsverbunds zusammengearbeitet haben. Alle haben die Funktionen der Prosumio App kennengelernt. Im Rahmen eines digital unterstützten Lehr-Lernsettings konnten etwa die Ausbilderinnen und Ausbilder mit den Lehrkräften teilen, dass die Inbetriebnahme und Wartung von Elektrogeräten und -fahrzeugen einiges an neuem Fachwissen und neuen Sicherheitsbestimmungen erfordert. Was ist mit größeren Abstandsflächen? Wie sieht es mit persönlicher Schutzausrüstung aus? Derartige Impulse können später auch über die App geteilt werden. 

Was möchten Sie mit ihrem Projekt noch bewirken? 

Unsere Vision ist, dass wir Lernen für Nachhaltigkeit für alle kostenlos und frei verfügbar anbieten. Auszubildende sollten die Chance haben, selbstwirksam in ihrem Berufsleben eine nachhaltige Zukunft mitzugestalten. Auf technischer Seite ist geplant, dass die App langfristig KI-Funktionen enthält und die Train-the-trainer-Schulungen am Ende der Projektlaufzeit ein Selbstlernmodul in der App sind. Der Gedanke dabei ist, dass sich die Ausbilderinnen und Ausbilder mit der Anwendung selbst weiterbilden. Bis dahin freuen wir uns jedoch, dass die Nachfrage nach den Train-the-trainer-Schulungen im Blended-Learning -Format sehr groß ist und wir sie einmal im Monat anbieten können.

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