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Das Modell der vollständigen Handlung

Seit vielen Jahren hat sich für die betriebliche Ausbildung das Modell der vollständigen Handlung bewährt. Es besteht aus sechs Schritten, die aufeinander aufbauen und eine stetige Rückkopplung ermöglichen.
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Das Modell der vollständigen Handlung kommt ursprünglich aus der Arbeitswissenschaft und ist von dort als Lernkonzept in die betriebliche Ausbildung importiert worden. In Abgrenzung zu anderen Begriffen lautet die genaue Bezeichnung "Handlungsorientierung auf der Grundlage der Handlungsregulationstheorie". Entsprechend kommen auch die damit verbundenen theoretischen Vorstellungen aus der Arbeitswissenschaft. Die wichtigsten sollen hier genannt werden (vgl.: Hacker: Allgemeine Arbeitspsychologie):

  • Arbeitshandlungen sind immer absichtlich und zielgerichtet auf der Grundlage von gedanklichen Handlungsplänen. Die Handlungspläne müssen nicht immer bewusst sein. Handlungen können auch automatisiert ablaufen.
  • Handlungspläne werden im Gedächtnis als "operative Abbildsysteme" repräsentiert. Dabei werden Handlungsablauf und erwartetes Ergebnis sowohl durch Bilder, als auch durch Begriffe abgebildet.
  • Handlungsregulation bedeutet, dass in einem Regelkreis die Handlungsausführung durch das operative Abbild sowohl als Ziel vorgegeben, als auch als erwartetes Ergebnis kontrolliert wird.
  • Handlungspläne sind hierarchisch organisiert und werden auch so abgearbeitet. Für die Bewältigung einer komplexen Aufgabe müssen deshalb die Handlungspläne nicht bereits zum Beginn vollständig bewusst sein. Sie werden vielmehr situationsgerecht während der Bearbeitung ins Bewusstsein geholt.

Lernprozess zwischen Antizipation und Reflexion

Richtiges Arbeiten beginnt also immer im Kopf. Ohne operatives Abbild vom Ablauf und vom Ziel der Arbeitstätigkeiten kommt kein richtiges Arbeitsergebnis zustande. Die Frage an die Pädagogik ist, wie wird der Aufbau dieser Bilder bei den Auszubildenden gezielt gefördert. Die Überlegungen der Arbeitswissenschaft hierzu sind, dass sich der Lernprozess zwischen Antizipation und Reflexion abspielt. Mit der Antizipation vom Arbeitsablauf und Ergebnis bauen sich Lernende ein vorläufiges operatives Abbild der Arbeitsausführung auf. Während der Ausführung wird dieses Bild fortlaufend kontrolliert und bei Bedarf auch korrigiert. In einer anschließenden Reflexion wird das bei der Bearbeitung gewonnene Bild bestätigt und vertieft.

Hierarchisch organisierte Handlungspläne sind nur dann erfolgreich, wenn sie die Regulation der Handlungen auf allen Hierarchieebenen gewährleisten. Für die Ausbildung kommt es deshalb darauf an, dass Auszubildende bei der Bearbeitung einer Teilaufgabe immer auch den Gesamtzusammenhang kennen, um die Teilaufgabe gedanklich fachlich richtig zuordnen zu können.

Mit der Ausbildung nach der Methode der vollständigen Handlung wird dieser Lernprozess durch Antizipation, Realisation und Reflexion systematisiert.

Sechs Schritte zur vollständigen Handlung

Das Modell der vollständigen Handlung besteht aus sechs Schritten, die aufeinander aufbauen: Informieren, Planen, Entscheiden, Ausführen, Kontrollieren und Auswerten.

  1. Informieren
    Die Auszubildenden erhalten eine Lern- bzw. Arbeitsaufgabe. Um die Aufgabe zu lösen, müssen sie sich selbstständig die notwendigen Informationen beschaffen.
  2. Planen
    Die Auszubildenden erstellen einen Arbeitsablauf für die Durchführung der gestellten Lern- bzw. Arbeitsaufgabe.
  3. Entscheiden
    Auf der Grundlage der Planung wird i. d. R. mit dem Ausbilder bzw. der Ausbilderin ein Fachgespräch geführt, in dem der Arbeitsablauf geprüft und entschieden wird, wie die Aufgabe umzusetzen ist.
  4. Ausführen
    Die Auszubildenden führen die in der Arbeitsplanung erarbeiteten Schritte selbstständig aus.
  5. Kontrollieren
    Die Auszubildenden überprüfen selbstkritisch die Erledigung der Lern- bzw. Arbeitsaufgabe (Soll-Ist-Vergleich).
  6. Auswerten
    Die Auszubildenden reflektieren den Lösungsweg und das Ergebnis der Lern- bzw. Arbeitsaufgabe.

Je nach Wissensstand der Auszubildenden erfolgt bei den einzelnen Schritten eine Unterstützung durch die Ausbilderinnen und Ausbilder.

Handlungsorientierte Didaktik

Didaktik bezeichnet die Lehre vom Unterricht. In Abgrenzung zur Methodik, die das wie beschreibt, geht es darum festzulegen, was gelernt werden soll.

Handlungsorientierung wird zuallererst als methodisches Konzept gesehen, z.B. als Methode der vollständigen Handlung. Aus der Herleitung aus der Handlungsregulationstheorie folgt aber auch eine didaktische Dimension der Handlungsorientierung. Nach dem Modell der vollständigen Handlung soll das gelernt werden, was zur Ausführung der Handlungen notwendig ist. Aus dieser Festlegung folgen für die berufliche Bildung zwei Konsequenzen.

  • In der beruflichen Bildung geht es immer um die erfolgreiche Bewältigung von Arbeitsaufgaben. Sie stehen im Zentrum aller didaktischen Überlegungen. Für eine handlungsorientierte Didaktik werden deshalb zuerst die Arbeitsaufgaben ausgewählt und dann in einem zweiten Schritt bestimmt, welche Fachkenntnisse zu ihrer Bearbeitung erlernt  werden müssen. Dies ist auch das Grundprinzip für das Lernen mit Lernaufgaben.
  • Fachkenntnisse sollen so aufbereitet erlernt werden können, wie es für die Bearbeitung der Aufgaben sinnvoll ist. Fachkenntnisse werden überwiegend in der Form von Ziel-Bedingungen-Mittel-Einheiten behalten und abgerufen. In einer handlungsorientierten Didaktik sollen deshalb Fachkenntnisse bevorzugt in diesem pragmatischen Zusammenhang präsentiert werden.