Beitrag
Barrierefreiheit in der Mediengestaltung
... und was das für Gestalter:innen für immersive Medien bedeutet
Barrierefreiheit klingt schnell nach Gesetzestext, Checkliste und Spezialwissen. Nach einem Thema, das am Ende eines Projekts auftaucht, wenn die Anwendung fast fertig ist und noch jemand fragt: „Ist das eigentlich barrierefrei?“
Für Mediengestaltung ist das zu spät gedacht. Barrierefreiheit beginnt bei der Konzeption. Also bei der Frage: Für wen gestalten wir? Und wer kann das, was wir gestalten, später wirklich nutzen?
Gerade bei immersiven Medien ist diese Frage wichtig. Denn hier geht es nicht nur um Text, Bild oder Ton. Es geht um Räume, Bewegung, Orientierung, Interaktion und oft um mehrere Sinneseindrücke gleichzeitig. Immersive Medien können Zugänge schaffen. Sie können aber auch neue Barrieren bauen.
Nicht erst am Ende fragen
Barrierefreiheit bedeutet nicht, dass alles für alle immer perfekt funktionieren muss.
Es bedeutet aber, Barrieren zu erkennen, bevor Menschen ausgeschlossen werden.
Ein paar Beispiele:
• Ein Video, das wichtige Informationen nur über Ton vermittelt, schließt Menschen aus, die diese Informationen nicht hören können. Untertitel können helfen, reichen aber je nach Zielgruppe nicht immer aus. Manchmal braucht es zusätzlich Gebärdensprache, visuelle Erklärungen oder besonders klare Textfassungen.
• Eine VR Anwendung mit schnellen Kamerafahrten kann bei manchen Nutzer:innen Übelkeit auslösen.
• Eine Installation, die nur im Stehen funktioniert, schließt Menschen aus, die sitzen müssen.
• Eine Anwendung, die wichtige Hinweise nur über Farben vermittelt, kann für farbfehlsichtige Menschen schwer verständlich sein.
• Eine Nutzerführung ohne klare Orientierung kann Menschen überfordern, die eine Anwendung zum ersten Mal nutzen.
Das alles sind keine Spezialfälle, die konkrete Gestaltungsentscheidungen beinhalten.
Immersion kann auch ausschließen
Gestalter:innen für immersive Medien arbeiten an der Schnittstelle von Gestaltung, Technik, Storytelling und Nutzerführung. Sie planen Medienprodukte, entwickeln 3D Inhalte, gestalten Interaktionen, testen Anwendungen und dokumentieren ihre Arbeit.
Dabei reicht es nicht zu fragen: „Sieht das gut aus?“ oder „Funktioniert das technisch?“ Genauso wichtig ist: Können Menschen sich orientieren? Verstehen sie, was sie tun sollen? Gibt es Alternativen, wenn ein Sinneskanal oder eine Eingabeform nicht funktioniert?
Bei klassischen Websites denkt man bei Barrierefreiheit vielleicht zuerst an Kontraste, Alternativtexte oder Tastaturbedienung. Bei immersiven Medien kommen zusätzliche Fragen dazu:
Kann die Anwendung auch im Sitzen genutzt werden?
Sind schnelle Bewegungen wirklich nötig?
Gibt es Alternativen zur Controller Steuerung?
Sind Informationen sowohl visuell als auch auditiv erfassbar?
Kann man eine Szene pausieren oder wiederholen?
Ist die Reizdichte angemessen?
Wird erklärt, was als Nächstes passiert?
Diese Fragen helfen nicht nur Menschen mit Behinderung. Untertitel helfen auch in lauten Messehallen. Klare Orientierung hilft allen, die eine Anwendung zum ersten Mal nutzen. Gute Kontraste helfen bei schwierigen Lichtverhältnissen. Eine einfache Steuerung hilft auch Menschen, die noch nie eine VR-Brille getragen haben.
Barrierefreiheit ist damit kein Zusatz guter Gestaltung. Sie ist Teil davon.
Vier Begriffe, die in der Praxis helfen
In der digitalen Barrierefreiheit wird häufig mit vier Grundprinzipien gearbeitet: Inhalte sollen wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust sein. Diese Prinzipien stehen auch in den Web Content Accessibility Guidelines, kurz WCAG.
Für den Ausbildungsalltag lassen sie sich gut übersetzen.
Wahrnehmbar heißt: Informationen müssen erfassbar sein. Zum Beispiel durch Untertitel, gut lesbare Schrift, klare Kontraste oder visuelle Alternativen zu Ton.
Bedienbar heißt: Nutzer:innen müssen eine Anwendung steuern können. Bei immersiven Medien kann das bedeuten, Alternativen zu Gesten, Blicksteuerung, Controller Eingaben oder Körperbewegungen mitzudenken.
Verständlich heißt: Nutzer:innen müssen nachvollziehen können, was passiert. Was ist das Ziel? Was kann ich anklicken? Wo bin ich gerade? Wie komme ich weiter?
Robust heißt: Eine Anwendung sollte möglichst zuverlässig funktionieren, auch wenn Geräte, Browser, Betriebssysteme oder Hilfstechnologien unterschiedlich sind.
Im Kern geht es also um eine praktische Frage: Scheitern Menschen am Inhalt oder an unnötigen Hürden in der Gestaltung?
Was Azubis lernen können
Auszubildende sollten lernen, Barrieren zu erkennen und Gestaltung aus einer barrierefreier Perspekte zu hinterfragen.
Also bei einem Konzept nicht nur Zielgruppe und Look definieren, sondern auch Nutzungssituationen beschreiben: Wer nutzt die Anwendung? Wo wird sie genutzt? Welche Voraussetzungen bringen die Menschen mit? Was könnte schwierig werden?
Prototypen können nicht nur auf technische Funktion getestet werden, sondern auch auf Orientierung, Verständlichkeit und Bedienbarkeit.
Auch in der Dokumentation kann Barrierefreiheit als fachliche Reflexion eine Rolle spielen:
Welche Barrieren könnten entstehen?
Welche haben wir vermieden?
Welche konnten wir im Projekt nicht lösen?
Was wäre in einer nächsten Version sinnvoll?
Diese ehrliche Auseinandersetzung ist aus Ausbildungsperspektive zeigt, dass Gestaltung nicht nur aus Umsetzung besteht, sondern aus begründeten Entscheidungen.
Ein Thema, das wichtiger wird
Digitale Barrierefreiheit wird auch rechtlich verbindlicher. Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz ist seit dem 28. Juni 2025 anzuwenden und betrifft bestimmte Produkte und Dienstleistungen.
Nicht jedes Ausbildungsprojekt fällt automatisch unter solche Anforderungen. Trotzdem ist die Richtung klar: Barrierefreiheit wird in digitalen Projekten stärker erwartet. Von Auftraggeber:innen, von Nutzer:innen und zunehmend auch durch rechtliche Vorgaben.
Für die GiM Ausbildung heißt das: Es ist sinnvoll, das Thema früh als Teil professioneller Mediengestaltung mitzudenekn
Fragen für den Ausbildungsalltag
Oft reicht es, im Ausbildungsalltag regelmäßig die richtigen Fragen zu stellen.
Zum Beispiel:
Wer könnte diese Anwendung nicht oder nur schwer nutzen?
Welche Informationen sind besonders wichtig?
Werden sie nur über einen Sinneskanal vermittelt?
Kann man die Anwendung auch anders bedienen?
Ist die Orientierung klar?
Was passiert, wenn Nutzer:innen etwas nicht verstehen?
Welche einfache Verbesserung hätte den größten Effekt?
Solche Fragen lassen sich gut in Briefings, Konzeptbesprechungen, Prototyping Phasen oder Feedbackrunden einbauen. Sie schärfen den Blick. Und darum geht es im ersten Schritt: Awareness schaffen.
Fazit: Wer gestaltet, entscheidet über Zugänge
Immersive Medien können neue Erfahrungsräume öffnen. Aber sie tun das nicht automatisch für alle.
Barrierefreiheit erinnert daran, dass Gestaltung immer auch eine Entscheidung über Zugänge ist. Wer kann teilnehmen? Wer versteht die Anwendung? Wer kann sie bedienen? Wer bleibt außen vor?
Nicht jede Barriere lässt sich sofort abbauen. Aber sie sollte gesehen werden. Damit beginnt barriereärmere Gestaltung: mit Aufmerksamkeit, mit guten Fragen und mit dem Anspruch, immersive Medien nicht nur beeindruckend, sondern auch zugänglich zu gestalten.