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Fünf Fragen an ... Sigrid Martin (Expertin AEVO / AdA)

Nachdem wir in der vergangenen Woche einen detaillierten Blick auf die Frage geworfen haben: Wie werde ich Ausbildungsbetrieb?, möchten wir heute bei einem zentralen Thema vertiefen: der Ausbildereignungsprüfung (AEVO), besser bekannt als AdA-Schein. 

❓ Wie gut bereitet der Ausbilderschein auf die Realität vor?

Gerade in der XR-, Medien- und Kreativbranche gibt es vielerorts wenig Ausbildungserfahrung. Viele Unternehmen, die sich für den neuen Beruf Gestalter:in für immersive Medien interessieren, stehen vor der Herausforderung, sich erstmals mit der AEVO auseinanderzusetzen: inhaltlich, organisatorisch und ganz praktisch.

Sigrid Martin, erfahrene AEVO-Dozentin und Ausbildungsexpertin, kennt diese Fragen sehr gut. Sie hat im vergangenen Jahr ein Webinar hier in der GiM-Community gehalten, mit vielen konkreten Hinweisen zur Prüfung und zu typischen Stolperstellen. 

Heute beantwortet sie fünf Fragen zur AEVO-Prüfung und typischen Problemen.

 

Was sollten Betriebe und angehende Ausbildende über die AEVO-Prüfung und ihre Bedeutung im dualen System wissen?

Die AEVO-Prüfung ist weit mehr als nur ein Pflichtnachweis, weil sie die Grundlage für eine qualitativ hochwertige Ausbildung im dualen System schafft. Damit wird gesichert, dass Ausbilder nicht nur fachlich, sondern auch pädagogisch qualifiziert sind. Das zahlt sich für ausbildende Betriebe in Zeiten des Fachkräftemangels aus. Dabei wird nicht nur die Ausbildungsqualität gesichert, sondern auch die Attraktivität des Betriebs gestärkt. Wobei die bestandene Prüfung ja ein Nachweis ist. Noch wichtiger finde ich, dass der Weg zur Prüfung eine „Ausbildung der Ausbilder“ sein muss, Ausbilder und Ausbilderinnen lernen in einem guten Vorbereitungskurs die Ausbildung selbstständig zu planen, durchzuführen und zu kontrollieren.

Du kennst viele Vorbereitungskurse – worauf sollten Teilnehmende bei der Auswahl achten?

Teilnehmende sollten bei der Auswahl eines AEVO-Vorbereitungskurses vor allem auf folgende Aspekte Wert legen:

👉 1. Inhalte
Der Kurs muss alle vier Handlungsfelder der AEVO und des aktuellen Rahmenplans abdecken und aktuelle Themen wie Digitalisierung, Vielfalt und Nachhaltigkeit integrieren. Es ist wichtig, dass sowohl rechtliche Grundlagen als auch methodisch-didaktische Kompetenzen vermittelt werden.

👉 2. Praxisbezug
Ein hochwertiger Kurs zeichnet sich durch einen starken Praxisbezug aus: Es werden reale Ausbildungssituationen simuliert, Fallbeispiele bearbeitet und praktische Übungen durchgeführt. Die gezielte Vorbereitung auf den praktischen Prüfungsteil (z. B. Präsentation oder Durchführung einer Ausbildungssituation) sollte ein Bestandteil sein.

👉 3. Kursstruktur
Die Kursstruktur sollte klar und transparent sein: Ablauf, Dauer, Inhalte, Lernorte, Lernformate  und Kosten müssen verständlich kommuniziert werden.

‼️ Empfehlenswert ist eine Kursdauer, die ausreichend Zeit für die Vermittlung und Vertiefung der Inhalte bietet. Die Empfehlung zur Lehrgangsdauer des BIBB Hauptausschusses beträgt 115 Unterrichtseinheiten und aus meiner Erfahrung braucht es diese auch, um wirklich „Ausbilder:in“ werden zu können. Was alles inhaltlich zur Ausbildung der Ausbilder gehört, kann man hier nachlesen: https://www.bibb.de/dokumente/pdf/HA135.pdf

‼️ Kurze „Crashkurse“ oder reine Videokurse ohne persönliche Betreuung durch einen kompetenten Dozierenden sind nicht sinnvoll. 

👉 Vorsicht bei Angeboten wie „in zwei Tagen zum Ausbilderschein – mit Erfolgsgarantie“. Vielleicht hat man dann den „Schein“ in der Tasche, aber sicher nicht die Kompetenzen, die erforderlich sind, um tatsächlich gut ausbilden zu können. 

Was sind typische Probleme, die in der Prüfungsvorbereitung oder bei der praktischen Prüfung auftreten?

Typische Probleme sind: Teilnehmende sind nicht ausreichend über den genauen Ablauf der AEVO-Prüfung bei ihrer zuständigen Stelle informiert, z. B. die Frage: Muss/ Darf man einen Azubi für eine Durchführung mitbringen oder spielt ein Mitglied des Prüfungsausschusses die Azubirolle?  

Teilnehmende verwenden bei der Durchführung von Ausbildungseinheiten die Vier-Stufen-Methode und wenden diese leider häufig an, ohne die dahinterliegenden pädagogischen Prinzipien wirklich zu reflektieren. Das bedeutet, die Methode, ohne dass die Ausbilder selbst verstehen, warum diese Struktur gewählt wurde und welche Lernprozesse sie unterstützt. Es kommt immer wieder vor, dass Teilnehmende im Prüfungsgespräch auf die Frage nach der Wahl einer bestimmten Ausbildungsmethode keine pädagogisch fundierte Antwort geben können – sie sagen etwa: „Das hat der Dozent gesagt“ oder „Das stand im Skript“, statt die Auswahl methodisch zu begründen. 

Auch kommt vor, dass Prüflinge die Bedeutung von Motivation, Feedback oder individueller Förderung unterschätzen und damit wichtige Punkte verschenken. Außerdem versteifen sich Prüflinge oft auf die Durchführung einer Ausbildungseinheit (auch veraltet noch „Unterweisung“ genannt) und lassen die anderen möglichen Varianten, wie sie die Ausbilder-Eignungsverordnung ermöglicht, z. B. die Präsentation einer Ausbildungssituation, außer Acht. Das ist schade, denn damit nehmen sie sich die Chance sich als Lernbegleiter zu positionieren. 

Apropos: die Präsentation: diese wird häufig als Ausbildungsmethode in der Prüfung falsch verstanden, sie ist aber das Prüfungsinstrument. Das bedeutet, dass die Prüflinge keinen Fachinhalt für ihre Auszubildenden präsentieren sollen, sondern ihr methodisch-didaktisches Konzept einer Ausbildungssituation.

Inwiefern ist die AEVO wirklich praxisnah und was vermisst du an der aktuellen Ausgestaltung?

Häufig wird kritisiert, dass die in der AEVO vermittelten Kompetenzen nicht ausreichen, um die komplexen Anforderungen der heutigen Ausbildungspraxis vollständig abzudecken. Oft liegt dies nach meiner Wahrnehmung an den Lehrgängen, die nicht die erforderlichen Inhalte abdecken. Die Prüfung bleibt leider häufig auf standardisierte Abläufe und traditionelle Methoden (z. B. Vier-Stufen-Methode) beschränkt, während die tatsächlichen Herausforderungen im Ausbildungsalltag – wie Konfliktmanagement, Förderung von Eigenständigkeit oder der Umgang mit Vielfalt – weniger im Fokus stehen. Hier braucht es auch noch ein stärkeres Umdenken der Dozierenden und Prüfungsausschüsse mit Fokussierung auf moderne Ausbildung und Lernprozessbegleitung. 

Was sollten Betriebe tun, damit der Ausbilderschein im Alltag mehr ist als ein Häkchen auf der Checkliste?

‼️ Ich finde, es kommt zunächst darauf an, den Ausbilderschein als „Ausbildung der Ausbilder*innen“ zu verstehen – nicht als lästiges oder bloß formales „notwendiges Übel“. 

👉 Nur wenn die Vorbereitung auf die AEVO-Prüfung als umfassender Lernprozess begriffen wird, der pädagogische, rechtliche und methodische Kompetenzen vermittelt, kann der Ausbilderschein seine Wirkung entfalten. Er ist dann nicht nur ein bürokratischer Nachweis, sondern eine wertvolle Qualifikation, die Ausbilderinnen und Ausbilder befähigt, Auszubildende systematisch, verantwortungsvoll und zielgerichtet zu fördern.

Dieses Verständnis ist die Grundlage dafür, dass moderne Ausbildung im Betrieb gelebt wird und die Ausbildungskultur nachhaltig gestärkt wird. 

Die Anforderungen an das Ausbildungspersonal verändern sich kontinuierlich. Damit Ausbilder*innen ihre Rolle als Lernbegleiter*innen und Vorbilder kompetent ausfüllen können, müssen sie selbst bereit sein, sich ständig weiterzuentwickeln und neue Kompetenzen zu erwerben – Ausbilder und Ausbilderinnen müssen die Notwendigkeit zum lebenslangen Lernen nicht nur vermitteln sondern vorleben. 

Nur wenn Betriebe und Ausbilder bewusst Zeit für Qualifizierung, Austausch und Reflexion einplanen, können sie ihrer Rolle als Lernbegleiter gerecht werden und die Ausbildungsqualität sichern. Auch kann in Sachen Anerkennung der Ausbildungsarbeit im Betrieben noch einiges getan werden, um die Leistungen und das Engagement von Ausbilderinnen und Ausbildern sichtbarer zu machen und stärker wertzuschätzen.  

 

Vielen Dank an Sigrid für den umfassendes Einblick.

 

Was sind Eure Erfahrungen mit dem Ausbilder*innenschein? 

Wie seht ihr Eure Rolle als Ausbilder*innen?

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