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Neurodivergenz in der Ausbildung – zwei Fallbeispiele aus der Praxis
Neurodivergenz in der Ausbildung – zwei Fallbeispiele aus der Praxis
Neurodivergente Auszubildende sind längst Teil unseres Ausbildungsalltags – auch wenn ihre Besonderheiten nicht immer sofort sichtbar sind. Missverständnisse entstehen oft weniger aus mangelndem Willen als aus unterschiedlich funktionierenden Wahrnehmungs‑, Denk‑ und Kommunikationsweisen. Die folgenden zwei anonymisierten Fallbeispiele sollen zum Austausch und zur Reflexion anregen.
Fallbeispiel 1: Leon (Autismus-Spektrum)
Leon ist zurückhaltend, spricht wenig und vermeidet Blickkontakt. Arbeitsaufträge führt er sehr exakt aus – allerdings nur, wenn sie klar und eindeutig formuliert sind. Spontane Änderungen im Tagesablauf verunsichern ihn sichtbar. In Gruppensituationen wirkt er teilnahmslos, manchmal genervt.
Typische Missverständnisse & Herausforderungen:
- Schweigen wird als Desinteresse oder fehlende Motivation interpretiert
- Rückfragen zu scheinbar „selbstverständlichen“ Abläufen wirken pedantisch
- Kritik nimmt Leon sehr wörtlich und persönlich
- Small Talk oder ironische Bemerkungen führen zu Irritationen
Wie könnten die Ausbilderin / der Ausbilder angemessen reagieren:
- Klare, strukturierte und möglichst schriftliche Arbeitsanweisungen
- Transparenz bei Tages- und Wochenabläufen, frühzeitige Ankündigung von Änderungen
- Sachliche, konkrete Rückmeldungen ohne Ironie oder Mehrdeutigkeit
- Akzeptanz, dass soziale Teilhabe anders aussehen kann
Leon als Auszubildenden zu haben ist ein Gewinn, weil er durch außergewöhnliche Genauigkeit, hohe Konzentrationsfähigkeit und Zuverlässigkeit überzeugt. Seine Fähigkeit, Fehler zu erkennen und Prozesse strukturiert abzuarbeiten, ist für den Betrieb ein echter Mehrwert – insbesondere in qualitätsrelevanten Arbeitsbereichen.
Fallbeispiel 2: Aylin (ADHS)
Aylin ist kreativ, kommunikativ und bringt viele Ideen ein. Gleichzeitig fällt es ihr schwer, Aufgaben zu priorisieren oder bei Routinearbeiten konzentriert zu bleiben. Sie kommt gelegentlich zu spät, vergisst Absprachen oder wirkt innerlich unruhig.
Typische Missverständnisse & Herausforderungen:
- Vergesslichkeit wird als Unzuverlässigkeit ausgelegt
- hoher Redebeitrag als mangelnde Disziplin interpretiert
- wechselhafte Leistungen sorgen für Irritation im Team
- eigene Überforderung wird durch Selbstüberschätzung verdeckt
Wie könnten die Ausbilderin / der Ausbilder angemessen reagieren:
- Kurze, klare Arbeitsaufträge mit Zwischenzielen
- Unterstützung bei Arbeitsorganisation (Checklisten, Erinnerungen, feste Routinen)
- Lob für Engagement und Ideen, nicht nur für Endergebnisse
- Gemeinsame Reflexion statt reiner Leistungsbewertung
Aylin bringt Dynamik, Kreativität und soziale Kompetenz in den Ausbildungsbetrieb. In Projekten, im Kundenkontakt oder bei neuen Aufgaben blüht sie auf. Mit passender Begleitung entwickelt sie Selbststeuerung – eine Schlüsselkompetenz fürs Berufsleben.
Was beide Fallbeispiele zeigen:
Neurodivergenz ist kein Defizit, sondern eine Variante menschlichen Denkens und Lernens. Für uns als Ausbildungspersonal bedeutet das:
- genau hinschauen statt vorschnell bewerten
- Verhalten von Motivation unterscheiden
- Beziehung vor Bewertung stellen
- Potenziale erkennen statt nur Schwierigkeiten verwalten
✅ Gut begleitete neurodivergente Auszubildende entwickeln oft überdurchschnittliche Fach‑ und Persönlichkeitsstärken.
✅ Gleichzeitig profitieren auch Betriebe von Vielfalt, neuen Perspektiven und Spezialkompetenzen.
Ein wunderbares Beispiel für die gelungene Integration von Menschen im Autismus-Spektrum ist folgende Dokumentation über eine Pizzeria in Italien, PizzAut, die die oben genannten Potenziale mit großem Erfolg nutzt:
Re: Eine Pizzeria, die Autisten Selbstständigkeit gibt
Danach werdet ihr gute Laune haben ...und Hunger auf Pizza 😎