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10. Juni 2025

In der Tradition der Berufsbildung sind die Erwartungen an Ausbildungspersonal klar und eindeutig: Sie sind diejenigen, die wissen, wie man etwas macht und können dies auch vorbildlich ausführen. Auszubildende sind dabei angehalten, sich das Erklärte und Gezeigte anzueignen. Auf diesem Weg haben die Lehrenden die Aufgabe, die Lernenden immer wieder zu korrigieren und dafür zu sorgen, dass sie bzw. er es richtig macht. Anders ausgedrückt: Früher sollte das Ausbildungspersonal das eigene Wissen und Können so an die Auszubildenden weitergeben, dass diese am Ende genau so viel konnten und wussten wie es selbst. Der brasilianische Pädagoge Paulo Freire nannte dies die "Kübeltheorie der Pädagogik", wobei ein mit Wissen gefüllter Kübel – die Ausbilderin oder der Ausbilder – dazu verwendet wird, einen leeren Kübel – die bzw. der Auszubildende – zu füllen. Heute gibt es mindestens vier Gründe, weshalb dieses klassische Rollenbild nicht mehr zeitgemäß ist:
Den oben genannten Gründen entsprechend, agiert Ausbildungspersonal heutzutage vorwiegend in der Rolle einer Lernprozessbegleiterin / eines Lernprozessbegleiters und hilft den Auszubildenden, berufliche Handlungskompetenz zu erwerben.
Um Inhalte zu vermitteln, kann das Ausbildungspersonal auf vielfältige Methoden zurückgreifen. Zentral sind dabei die Methoden der handlungs- und prozessorientierten Ausbildung, durch die kompetentes berufliches Handeln gelernt werden soll. Die Lernprozessbegleitung dient diesem Ziel. Grundlage für die handlungsorientierte Ausbildung ist das Modell der vollständigen Handlung . Nach dieser Methode sollen Auszubildende lernen, was zur Ausführung von Handlungen notwendig ist.
Kompetenzen wie Selbständigkeit, Kooperationsfähigkeit und Flexibilität erwirbt man nicht dadurch, dass man deren Wichtigkeit "mit dem Kopf" einsieht. Man erlernt sie stattdessen dadurch, dass man in reale Handlungssituationen kommt, in denen diese Fähigkeiten gefordert werden. Die Bedeutung dieser Art des Lernens wurde vor geraumer Zeit auch an jenen Lernorten erkannt, an denen die frontale, unterweisende "Wissensvermittlung" zutiefst beheimatet war: den schulischen Lerneinrichtungen. Auch dort findet seither eine "Handlungsorientierung" statt. Doch während beim handlungsorientierten Unterricht in Schulen die Handlungssituationen weitgehend simuliert werden müssen, nutzt das Handlungslernen im betrieblichen Ausbildungskontext so stark wie möglich Realsituationen. Die markanteste Form des "Handlungslernens" besteht dabei im "Lernen in der Arbeit" bzw. "Lernen im Geschäftsprozess", d.h. in einem wirklich arbeitsintegrierten Lernen, das reale Arbeitsabläufe zum Lernen nutzt.
Wenn Auszubildende beginnen, reale Arbeitsabläufe und -prozesse zu meistern, werden damit zahlreiche in der Praxis üblichen Vorgehensweisen und Fähigkeiten vermittelt, die zum Bestehen dieser Herausforderungen benötigt werden. Daneben gibt es keine Transferprobleme aus der Theorie in die Praxis, keine veralteten Ausbildungsstände und keine Lernumwege. Und wenn man an das Lernen im Geschäftsprozess gewöhnt ist, bereitet es zudem weniger Schwierigkeiten, sich weiterzubilden, wenn sich Grundlegendes an der Arbeit verändert.
Allerdings haben Ausbilder/-innen in realen Arbeitsprozessen selten die Möglichkeit zur Unterweisung, ohne den Arbeitsprozess zu unterbrechen oder empfindlich zu stören. Auch hier kann das Konzept der "Lernprozessbegleitung" helfen: Die Arbeitsaufgaben werden vom Ausbildungspersonal sorgfältig ausgewählt, intensiv vorbereitet und sowohl vor- als auch nachbesprochen. Es empfiehlt sich zudem, sog. "Kontrollpunkte" zu setzen, an denen Zwischenstände besprochen werden können. Dazwischen jedoch müssen die Auszubildenden sich selbständig zurechtfinden und "entdeckend" lernen.
Das "Entdeckende Lernen" ist eine Form des Lernens, bei der den Lernenden nicht im Voraus gesagt wird, was und wie sie etwas zu tun haben, sondern bei der sie den Weg der Aufgabenbewältigung selbst herausfinden. Es werden alle Fähigkeiten und Vorkenntnisse mobilisiert, über die die Lernenden bereits verfügen, um zu sehen, wie weit sie ihnen helfen können, die neue Aufgabe zu lösen. Entdeckendes Lernen kann also gar nicht anderes, als Lernende dort abzuholen, wo sie gerade stehen - schließlich sind die Lernenden bei dieser Art des Lernens nicht passiv-empfangend ("leerer Kübel"), sondern alles hängt von ihrer eigenen Aktivität ab.
Entdeckendes Lernen ist mit vielen kleineren und größeren Prozessen von Versuch und Irrtum und der Selbstkorrektur verbunden. Es kann sein (und ist sogar wahrscheinlich), dass Lernende dabei nicht auf dem direkten, kürzesten Weg zum Erfolg kommen. Allerdings bedeutet jeder Um- und Irrweg, dass die Auszubildenden etwas Neues über eine Sache und sich selbst gelernt haben.
Das Ausbildungspersonal eröffnet den Auszubildenden das Lernen in selbstgesteuerter Form. Es geht darum, Wissen nicht einfach zu vermitteln, sondern Lernarrangements für die Lernenden zu schaffen. Ziel sind mündige Auszubildende, die selbstständig ihren Lernprozess organisieren, sich das notwendige Wissen zusammensuchen und selbst Problemlösungen entwickeln.
Nun könnte man meinen, dass die Lehrperson bei der Lernprozessbegleitung ein Stück weit überflüssig wird. Und in der Tat: Jemand, der die Lösung vormacht und alles besser weiß, ist bei diesem Lernweg nicht nur überflüssig, sondern stört sogar! Denn diese Person verhindert wertvolle Selbsterfahrungen. Dringend gebraucht wird allerdings jemand, der den Überblick behält, das Geschehen steuert und außerdem dafür sorgt, dass aus Erfahrungen Erkenntnisse gezogen werden. Allerdings müssen dazu die gemachten Erfahrungen theoretisch begründet und auf andere Situationen übertragen werden können. Dies macht eine Reihe von Reflexions-, Auswertungs- und Vertiefungsschritten notwendig, die zu den (neuen) Aufgaben des Ausbildungspersonals gehören:
Im Folgenden werden diese Phasen der Lernprozessbegleitung anhand eines Beispiels erläutert.
Wie das Beispiel zeigt, liegen die Schwerpunkte des Handelns für die Lernprozessbegleiterin bzw. den Lernprozessbegleiter bei der Vorbereitung des Lernprozesses und bei dessen Nachbereitung. Insbesondere von der Vorbereitung des Lernens, von der richtigen Auswahl und von der Aufbereitung von Realaufgaben für das Lernen, hängt ab, ob Lernende bei ihrem Lernprozess erfolgreich sein können. Dem Ausbildungspersonal als Lernprozessbegleiter/-innen stehen dafür viele Hilfen und Instrumente zur Verfügung, deren Handhabung im Sinne einer zeitgemäßen Gestaltung der Ausbildung erlernt werden kann und sollte. Gleichzeitig sind Lernprozessbegleiter/-innen persönlich sehr gefordert! Sie können sich nicht hinter einer Rolle als Expertin / Experte verstecken, sondern müssen sich wirklich auf jeden einzelnen Auszubildenden und ihren / seinen individuellen Lernprozess einlassen!
In der Berufsausbildung hat sich ein neues Lehr- und Lernverständnis herausgebildet. Dabei spielen Begriffe wie "Handlungsorientierung ", "Handlungskompetenz" und "Entdeckendes Lernen" Schlüsselrollen.
Beim Handlungslernen geht es darum, dass Lernende eigene Erfahrungen machen, sie aufarbeiten, daran wachsen und sich schließlich selbst verändern und erziehen, denn Handeln und Handlungskompetenz kann nur dadurch gelernt werden, dass man tatsächlich selbst handelt.
Das Entdeckende Lernen ist eine Form des Lernens, bei der den Lernenden nicht im Voraus gesagt wird, was und wie sie etwas zu tun haben, sondern bei der sie den Weg der Aufgabenbewältigung selbst herausfinden müssen - und dabei lernen.
Damit diese neuen Formen des Lehrens und Lernens stattfinden können, werden neue Anforderungen an das Ausbildungspersonal gestellt: Für diese Gruppe geht es nicht mehr ums Anleiten, Erklären und Vormachen, sondern darum, selbständige Lernprozesse von Auszubildenden in Gang zu setzen, zu begleiten und auszuwerten.
In der Lernprozessbegleitung wählen Ausbilder/-innen zunächst eine Aufgabe aus dem realen Arbeitszusammenhang aus und bereiten sie so vor, dass sie den Fähigkeiten und Lernbedürfnissen der Lernenden entspricht. Dann übergeben sie die Aufgabe den Auszubildenden zur selbständigen Bearbeitung. Anschließend beobachtet das Ausbildungspersonal die Lernenden, berät auf Wunsch, unterstützt, hilft weiter, ermuntert und weist die Richtung, wenn Orientierung verloren geht. Nach Beendigung der Aufgabe reflektiert das Ausbildungspersonal in einem Auswertungsgespräch die Erfahrungen mit den Lernenden, um Lernerträge zu sichern und weitere Lernziele und Lernschritte zu besprechen.