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Das Modell der vollständigen Handlung

02. September 2026

Nichts stärkt die Handlungskompetenz Ihrer Auszubildenden so sehr wie eigenständiges Arbeiten. Das Modell der vollständigen Handlung führt sie durch diesen Lernprozess. Es besteht aus sechs Schritten, die aufeinander aufbauen und eine stetige Rückkopplung ermöglichen.
Modell der vollständigen Handlung

Das Modell der vollständigen Handlung kommt ursprünglich aus der Arbeitswissenschaft und ist von dort als Lernkonzept in die betriebliche Ausbildung importiert worden. In Abgrenzung zu anderen Begriffen lautet die genaue Bezeichnung "Handlungsorientierung auf der Grundlage der Handlungsregulationstheorie". Entsprechend kommen auch die damit verbundenen theoretischen Vorstellungen aus der Arbeitswissenschaft. Die wichtigsten sollen hier genannt werden:

  • Arbeitshandlungen sind immer absichtlich und zielgerichtet auf der Grundlage von gedanklichen Handlungsplänen. Die Handlungspläne müssen nicht immer bewusst sein. Handlungen können auch automatisiert ablaufen.
  • Handlungspläne werden im Gedächtnis als "operative Abbildsysteme" repräsentiert. Dabei werden Handlungsablauf und erwartetes Ergebnis sowohl durch Bilder, als auch durch Begriffe abgebildet. 
  • Handlungsregulation bedeutet, dass in einem Regelkreis die Handlungsausführung durch das operative Abbild sowohl als Ziel vorgegeben, als auch als erwartetes Ergebnis kontrolliert wird.
  • Handlungspläne sind hierarchisch organisiert und werden auch so abgearbeitet. Für die Bewältigung einer komplexen Aufgabe müssen deshalb die Handlungspläne nicht bereits zum Beginn vollständig bewusst sein. Sie werden vielmehr situationsgerecht während der Bearbeitung ins Bewusstsein geholt.

Lernprozess zwischen Antizipation und Reflexion

Richtiges Arbeiten beginnt also immer im Kopf. Ohne operatives Abbild vom Ablauf und vom Ziel der Arbeitstätigkeiten kommt kein richtiges Arbeitsergebnis zustande. Die Frage an die Pädagogik lautet: Wie wird der Aufbau dieser Bilder bei den Auszubildenden gezielt gefördert? Die Überlegungen der Arbeitswissenschaft hierzu sind, dass sich der Lernprozess zwischen Antizipation und Reflexion abspielt. 

Mit der Antizipation vom Arbeitsablauf und Ergebnis bauen sich Lernende ein vorläufiges operatives Abbild der Arbeitsausführung auf. Während der Ausführung wird dieses Bild fortlaufend kontrolliert und bei Bedarf auch korrigiert. In einer anschließenden Reflexion wird das bei der Bearbeitung gewonnene Bild bestätigt und vertieft.

Hierarchisch organisierte Handlungspläne sind nur dann erfolgreich, wenn sie die Regulation der Handlungen auf allen Hierarchieebenen gewährleisten. Für die Ausbildung kommt es deshalb darauf an, dass Auszubildende bei der Bearbeitung einer Teilaufgabe immer auch den Gesamtzusammenhang kennen, um die Teilaufgabe gedanklich fachlich richtig zuordnen zu können.

Mit der Ausbildung nach der Methode der vollständigen Handlung wird dieser Lernprozess durch Antizipation, Realisation und Reflexion systematisiert.

Die 6 Stufen des Modells der vollständigen Handlung

Stufe 1: Informieren

Die Auszubildenden erarbeiten sich selbstständig die Informationsbasis für die Ausführung des Auftrags.

  • Was ist zu tun? Anhand der Auftragsunterlagen und angeleitet von Ihren Fragen sammeln die Auszubildenden die fachlichen Informationen, Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten, die sie brauchen, um die Arbeit selbstständig ausführen zu können. Ermuntern Sie die Auszubildenden dazu, hierbei auch das Internet und digitale Medien zu nutzen.
  • Wie können Sie unterstützen? Stellen Sie im Gespräch mit den Ausbildenden Leitfragen: 
    "Wie willst du die Arbeit angehen?" So erfahren Sie, wie die Auszubildenden ihr Wissen einsetzen wollen und was sie noch nicht wissen und deshalb neu lernen müssen. "Was kann passieren, wenn …?", "Wie lässt sich vermeiden, dass …?" etc. Solche Fragen bieten sich an, um auf besondere Herausforderungen aufmerksam zu machen.

Behalten Sie Ihr Wissen für sich, es sei denn, Sie werden danach gefragt. Fallen Ihnen Fehler oder Abweichungen auf, stellen Sie Fragen. So können sich die Auszubildenden die richtige Lösung selbst erarbeiten. Denn die Auszubildenden sollen die Arbeiten möglichst schnell selbstständig in der erforderlichen Qualität ausführen können. Motivieren Sie sie, eigene Fragen zu stellen. So lernen die Auszubildenden, sich in Zukunft neue Aufgaben zu erschließen.

Stufe 2: Planen

Die Auszubildenden sollen den Arbeitsauftrag möglichst selbstständig planen. Zwar gibt es im Berufsalltag viele standardisierte Arbeitsabläufe. Es ist jedoch sinnvoll, dass die Auszubildenden ihren eigenen Arbeitsplan entwickeln, sei es im Gespräch mit der ausbildenden Fachkraft oder auch schriftlich.

  • Was ist zu tun? Die Auszubildenden formulieren bzw. dokumentieren, wie sie vorgehen wollen, in welcher Reihenfolge sie die Arbeitsschritte ausführen, welches Material und welche Geräte sie dafür benötigen. Ein schriftlich ausgearbeiteter Plan ist gleichzeitig auch ein Merkzettel in der Umsetzungsphase. Er ist besonders bei komplexeren Aufgaben hilfreich, bei denen mehrere Personen beteiligt sind. Wird der Plan am Computer erstellt, kann er von mehreren Personen bearbeitet werden.
  • Wie können Sie unterstützen? Stellen Sie den Auszubildenden ein Formular aus der Arbeitsvorbereitung oder dem Qualitätsmanagement zur Verfügung oder zeigen Sie ihnen das entsprechende Online-Tool bzw. die im Betrieb dafür verwendete Software. Die Auszubildenden können dort ihre Arbeitsschritte, das benötigte Material, die nötigen Werkzeuge und Maschinen sowie die Prüfschritte für die Qualitätskontrolle eintragen. Beobachten Sie den Planungsprozess. Arbeiten die Auszubildenden zügig und konzentriert? Wenn nein, geben Sie Impulse, um den Prozess zu beschleunigen.
    Sind die Auszubildenden überfordert, weil ihnen der Auftrag noch zu fremd ist? Hier hilft es, die Arbeitsschritte gemeinsam auf kleine Kärtchen zu schreiben und sie dann in die richtige Reihenfolge zu bringen. Ziehen Sie Ihre Unterlagen heran und achten Sie darauf, wirklich alle Zwischenschritte zu berücksichtigen.

Stufe 3: Entscheiden

In dieser Phase wird überprüft, ob der Auftrag so, wie von den Auszubildenden ausgearbeitet, auch durchgeführt werden kann. 

  • Was ist zu tun? Die Auszubildenden präsentieren Ihnen mündlich ihre Antworten auf die Leitfragen, ihre Arbeitsplanung und mögliche Varianten. Zudem begründen sie ihre Entscheidung. 
  • Wie können Sie unterstützen? Würdigen Sie zunächst die Erfolge: Was ist gut gelungen? Heben Sie überdurchschnittliche Leistungen hervor. Geben Sie den Auszubildenden Gelegenheit, diese noch einmal ausführlicher zu erläutern.
    Prüfen Sie die Planung und besprechen Sie sie mit den Auszubildenden. So können Sie erkennen, ob an alles gedacht worden ist und ob die Qualitätsstandards beachtet wurden. Lenken Sie die Auszubildenden mittels geschickter Fragen auf mögliche Fehlerquellen hin. Das Gespräch festigt das Gelernte und gibt Auszubildenden die nötige Sicherheit bei der Arbeitsausführung. 

Stufe 4: Durchführen

Die Auszubildenden erledigen die Lern- und Arbeitsaufgabe selbstständig, und zwar basierend auf den Ergebnissen aus Stufe 2 und 3. Sie sollen Fehler oder Abweichungen selbst erkennen und eigenständig beheben können. Ebenso gilt es, selbstständig Lösungen für unvorhergesehene Probleme zu entwickeln. 

  • Was ist zu tun?
    Die Auszubildenden benutzen ihren Arbeitsplan, damit sie in der richtigen Reihenfolge vorgehen und auch die Qualitätsvorgaben einhalten.
  • Wie können Sie unterstützen?
    Sie beobachten, ob die Arbeit fachgerecht und wie geplant ausgeführt wird. Ein anerkennendes Lob motiviert. Schwierigkeiten und Probleme sollten die Auszubildenden immer zunächst selbst lösen. Wenn Sie eingreifen, tun Sie das am besten mit Leitfragen wie "Hast du berücksichtigt, dass…?". 

Stufe 5: Kontrollieren

Ständige Qualitätskontrolle während der Arbeit soll zu qualitätsbewusstem und wirtschaftlichem Arbeiten führen. Fehler sollten stets sofort behoben werden. Den Auszubildenden sollte bewusst sein, dass immer die Ausführenden für die Qualität der Arbeit verantwortlich sind.

  • Was ist zu tun? Bereits während der Arbeit überprüfen die Auszubildenden die vorgegebenen Qualitätsstandards. Die abschließende Qualitätskontrolle in Stufe 5, für die ebenfalls die Auszubildenden zuständig sind, entspricht der Endkontrolle im Unternehmen vor der Auslieferung. Die Auszubildenden tragen die Verantwortung dafür, dass das Produkt ohne Mängel ausgeliefert werden kann. Falls Fehler aufgetreten sind, kann zu diesem Zeitpunkt noch nachgebessert werden. Hilfreich ist das Vier-Augen-Prinzip: Selbstkontrolle durch die Auszubildenden und Fremdkontrolle durch andere Auszubildende oder Kolleginnen bzw. Kollegen. 
  • Wie können Sie unterstützen? Sie beobachten, ob und wie die Auszubildenden die Qualitätskontrolle durchführen und welche Korrekturen sie vorgenommen haben. Zusätzlich führen Sie selbst Stichprobenkontrollen durch. So gehen Sie sicher, dass die Qualität auch wirklich stimmt. Sie unterstreichen damit, wie wichtig es ist, die Vorgaben einzuhalten. Die Auszubildenden sollen sich für die Qualität ihrer Arbeit verantwortlich fühlen. Unterstützen Sie sie dabei. Erläutern Sie welche Schäden entstehen können, wenn die Qualität nicht stimmt. Beispiele für Leitfragen finden Sie in der Arbeitshilfe

Stufe 6: Bewerten

Hier entscheiden Sie wie eine Kundin oder ein Kunde darüber, ob die Arbeit Ihren Vorstellungen entspricht und ihren Preis wert ist. 

  • Was ist zu tun? Kommen die Auszubildenden direkt in Kontakt mit Kundinnen und Kunden, lohnt es sich, Übergabegespräche in Rollenspielen zu simulieren. Die Auszubildenden schildern hier, wie die Arbeit ausgeführt wurde, und fragen ihre "Kunden", ob damit die Vorgaben und Wünsche erfüllt wurden. Sie geben ihren Kunden Hinweise, was bei der Benutzung zu beachten ist. Die Auszubildenden lernen, eine positive Gesprächsatmosphäre zu schaffen, indem sie sich interessiert zeigen und Fragen stellen sowie Vertrauen aufbauen.
  • Wie können Sie unterstützen? Im Mittelpunkt des Auswertungsgespräch stehen die Kundenzufriedenheit sowie die Produkt- und Prozessqualität. Reflektieren Sie gemeinsam mit den Auszubildenden, was besonders gut gelungen ist, welche besonderen Leistungen erbracht worden sind, wie Fehler künftig vermieden werden können oder die Arbeit weiter verbessert werden kann. 

Weitere Themen können die Art des Auftretens sowie Gesprächsführungstechniken sein: 

  • Wie gelingt es, einen guten Eindruck bei den Kunden zu hinterlassen? 
  • Wodurch könnte Unzufriedenheit entstehen? 
  • Wie kann dies vermieden werden? 
  • Wie sollte man reagieren, wenn Kunden Kritik üben oder eine Leistung reklamieren?

Handlungsorientierte Didaktik

Didaktik bezeichnet die Lehre vom Unterricht. In Abgrenzung zur Methodik, die das wie beschreibt, geht es darum festzulegen, was gelernt werden soll.

Handlungsorientierung wird zuallererst als methodisches Konzept gesehen, z.B. als Methode der vollständigen Handlung. Aus der Herleitung aus der Handlungsregulationstheorie folgt aber auch eine didaktische Dimension der Handlungsorientierung. Nach dem Modell der vollständigen Handlung soll das gelernt werden, was zur Ausführung der Handlungen notwendig ist. Aus dieser Festlegung folgen für die berufliche Bildung zwei Konsequenzen.

  • In der beruflichen Bildung geht es immer um die erfolgreiche Bewältigung von Arbeitsaufgaben. Sie stehen im Zentrum aller didaktischen Überlegungen. Für eine handlungsorientierte Didaktik werden deshalb zuerst die Arbeitsaufgaben ausgewählt und dann in einem zweiten Schritt bestimmt, welche Fachkenntnisse zu ihrer Bearbeitung erlernt  werden müssen. Dies ist auch das Grundprinzip für das Lernen mit Lernaufgaben.
  • Fachkenntnisse sollen so aufbereitet erlernt werden können, wie es für die Bearbeitung der Aufgaben sinnvoll ist. Fachkenntnisse werden überwiegend in der Form von Ziel-Bedingungen-Mittel-Einheiten behalten und abgerufen. In einer handlungsorientierten Didaktik sollen deshalb Fachkenntnisse bevorzugt in diesem pragmatischen Zusammenhang präsentiert werden.

Checkliste

Arbeitshilfe für die handlungsorientierte Ausbildung auf Basis des Modells der vollständigen Handlung (PDF-Datei).

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