Wie stärkt Naht die Rolle der Pflege als "changemaker"?
Seidler-Rolf: Wir setzen mit unserem Projekt beim ausbildenden Personal an. Die Praxisanleitenden haben gewisse Spielräume, um Nachhaltigkeit in der Praxis einzubringen und sich etwa mit dem Thema Ressourcenverbrauch auseinanderzusetzen. Damit sie nachhaltigkeitsbezogene Kompetenzen an ihre Auszubildenden weitergeben können, entwickeln wir Inhalte für die Weiterbildung zur Praxisanleiterin bzw. zum Praxisanleiter sowie für die jährlichen Pflichtfortbildungen für Praxisanleitende.
Körner: Im Projekt erstellen wir das NahtToolkit, das Weiterbildungsstätten und Pflegeeinrichtungen für Fort- und Weiterbildungen nutzen können. Es gibt insgesamt sechs Module, die sich unter anderem mit Nachhaltigkeit, Planetary Health und der Klimakrise auseinandersetzen. In jedem Modul gibt es ein Fallbeispiel aus einem Pflege-Setting. Anhand dieses Szenarios wird im Modul gearbeitet. Dazu gibt es ein Grundlagenmodul, das Praxisanleitende stets zu Beginn durcharbeiten sollten. Hier geht es unter anderem um die Klimakrise und die Frage: Warum ist das Gesundheitswesen ein Teil-Verursacher der Klimakrise? Die anderen Module sind nicht chronologisch gestaltet und können interessengeleitet – also frei – zusammengestellt werden.
Worum geht es in diesen zusätzlichen Modulen?
Körner: Es gibt ein Modul zum Thema Nachhaltigkeit und Hygiene. Im medizinisch-pflegerischen Bereich ist Hygiene häufig ein "Totschlagargument". Wir können nicht nachhaltig sein, wir müssen ja hygienisch arbeiten, so die Logik. Tatsächlich besteht hier aber gar kein Widerspruch und beides lässt sich sehr gut ergänzen. Im dritten Modul geht es um Mentoring-Gespräche, durch die eine Reflektion des eigenen Konsumverhaltens – etwa im Hinblick auf Ernährung oder Mobilität – angestoßen werden kann. Das vierte Modul dreht sich um ressourcenschonende Pflege: Hier geht es exemplarisch um Plastik-Medikamentenbecher. Oftmals werden diese durch Metall-Becher ersetzt, aber man sollte hier vielmehr "out-of-the-box" denken und möglichst ganz auf Medikamentenbecher verzichten. Im fünften Modul geht es um das Thema Hitze. 2024 war ja das heißeste Jahr seit Wetteraufzeichnung. Sehr viele Menschen und insbesondere ältere Personen leiden unter den hohen Temperaturen. Darauf richtig zu reagieren, ist wichtig in der Pflege. Es gibt außerdem ein sechstes Modul, in dem es um klimabedingte Erkrankungen geht. Hier besteht das Szenario darin, dass ein älterer Herr, der von einem ambulanten Pflegedienst betreut wird, bei einem Spaziergang von einer Zecke gestochen wird. Als Praxisanleiterin oder Praxisanleiter kommt man nun mit einem Azubi zu dieser Person und sieht die typische kreisrunde Rötung auf der Haut des Patienten (Anzeichen für Borreliose). Über dieses Szenario kommen wir zum Thema Zeckenstich und schließlich zur Frage: Welche Insekten gibt es mittlerweile eigentlich in Deutschland, die es früher nicht gab?
Wie sind die Module aufgebaut?
Seidler-Rolf: Im Aufbau sind die Module aus dem NahtToolkit sehr ähnlich. Das ist beabsichtigt, damit es einerseits einen Wiedererkennungseffekt für die Teilnehmenden gibt und andererseits für die Lehrenden eine Routine im Ablauf der Qualifizierungsmaßnahmen möglich ist. Es gibt immer eine Inputphase zu Beginn eines Moduls, darauf können unter anderem interaktive Elemente folgen wie Kreuzworträtsel, Quizze oder H5P-Videos. Es gibt auch immer Transferphasen, in denen die Teilnehmenden sich Gedanken dazu machen können, wie sie die Inhalte in ihren Alltag integrieren können.