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"Nachhaltigkeit ist im Pflegebereich nicht nur ein Trend"

Interview mit dem Projekt Naht

20. August 2025

Die Sommermonate werden von Jahr zu Jahr heißer und die Ausbreitung von Infektionskrankheiten nimmt zu. Kein Zweifel, die Klimakrise hat auch Einfluss auf die Gesundheit der Menschen. Das Projekt Naht ("Nachhaltiges Handeln in der pflegeberuflichen Bildung: Curriculare Integration von Planetary Health und digitaler Kompetenz") der Hochschulen Esslingen, Bielefeld und Hannover beschäftigt sich vor diesem Hintergrund mit der Frage, wie Pflegefachpersonen zur Bewältigung der Klimakrise und der gesundheitlichen Folgen beitragen können.
"Nachhaltigkeit ist im Pflegebereich nicht nur ein Trend"

Im Projekt Naht werden, gefördert durch das Programm "Nachhaltig im Beruf – zukunftsorientiert ausbilden (NIB)" des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ), Fortbildungsangebote für Praxisanleitende in der Pflege entwickelt. Im Gespräch mit Leando stellen Nadja Körner (Hochschule Esslingen) und Kristina Seidler-Rolf (Hochschule Bielefeld) Naht vor.

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Leando: Was möchten Sie mit dem Projekt Naht erreichen? 

Körner: Wir wollen, dass Praxisanleitende in der Pflege – und durch sie auch die Auszubildenden – eine Handlungs- und Gestaltungskompetenz beim Thema Nachhaltigkeit erlangen und nachhaltige Praktiken in ihrer täglichen Arbeit etablieren. Nachhaltigkeit ist im Pflegebereich nämlich nicht nur ein Trend. Dort kommen alle Dimensionen von Nachhaltigkeit – Ökonomie, Ökologie und Soziales – zusammen. In allen drei Bereichen, gibt es Ansatzpunkte für die Pflege ein "changemaker" zu sein.

Seidler-Rolf: Hier ist auch auf den Ethikkodex des International Council of Nurses (ICN) zu verweisen. Im 'Hauptelement #4 Pflegefachpersonen und die globale Gesundheit' wird die pflegerische Verantwortung für Menschenrechte, Umweltgerechtigkeit und die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele (SDGs) klar benannt. Wir tragen eine gemeinsame Verantwortung, die natürliche Umwelt vor Schäden zu schützen, weil sie unmittelbar mit menschlicher Gesundheit verknüpft ist. Klimakrise, Luftverschmutzung oder Biodiversitätsverlust sind keine abstrakten Probleme; sie verschärfen Krankheitslasten, etwa durch Hitzewellen, Infektionsausbrüche oder Mangelernährung. Deshalb sind beschleunigte Klimaschutzmaßnahmen durch die Pflege, etwa in Politik, Praxis oder Bildung, kein 'Nice-to-have', sondern eine ethische Pflicht. 

Können Sie diese Ansatzpunkte näher beschreiben? 

Körner: Ökologisch geht es um Energieeffizienz und den Umgang mit Ressourcen und eingesetzten Materialien. Jeder, der schon mal mit Pflege zu tun hatte, weiß, wie viel Material bei dieser Arbeit verbraucht wird. Einwegprodukte mögen hier günstig in der Anschaffung sein, für die Umwelt verursachen sie aber langfristig höhere Kosten als Mehrwegprodukte. Unter ökonomischen Gesichtspunkten gilt, dass die die Gesundheitsförderung im Mittelpunkt steht. Konkret heißt das, dass wir die Menschen länger gesund erhalten möchten, damit sie weniger auf Pflege angewiesen sind. Auch das entspricht dem Nachhaltigkeitsgedanken. Die soziale Dimension von Nachhaltigkeit spielt eine Schlüsselrolle in der Pflege, da wir als Pflegefachpersonen Kontakt haben zu allen Gesellschaftsschichten und somit auch zu sehr vulnerablen Gruppen. Die Bevölkerung bringt unserer Profession hier auch einen enormen Vertrauensvorschuss entgegen. Deshalb können Pflegefachpersonen als Vorbilder für einen klimafreundlichen Lebensstil wirken.

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Nachhaltig im Beruf – zukunftsorientiert ausbilden

Nachhaltig im Beruf stärkt die Umsetzung, Verbreitung und Verankerung einer Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE). Das Programm unterstützt die Anwendung der Standardberufsbildposition "Umweltschutz und Nachhaltigkeit" in der Ausbildungspraxis, so dass die Fachkräfte von morgen bereits heute lernen, ökologisch, sozial und ökonomisch verantwortlich zu handeln. Das NIB-Programm ist kofinanziert über den Europäischen Sozialfonds Plus. Mit der fachlichen Begleitung ist das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) beauftragt, mit der administrativen Begleitung die Knappschaft-Bahn-See (KBS). 

www.nachhaltig-im-beruf.de

Wie stärkt Naht die Rolle der Pflege als "changemaker"? 

Seidler-Rolf: Wir setzen mit unserem Projekt beim ausbildenden Personal an. Die Praxisanleitenden haben gewisse Spielräume, um Nachhaltigkeit in der Praxis einzubringen und sich etwa mit dem Thema Ressourcenverbrauch auseinanderzusetzen. Damit sie nachhaltigkeitsbezogene Kompetenzen an ihre Auszubildenden weitergeben können, entwickeln wir Inhalte für die Weiterbildung zur Praxisanleiterin bzw. zum Praxisanleiter sowie für die jährlichen Pflichtfortbildungen für Praxisanleitende. 

Körner: Im Projekt erstellen wir das NahtToolkit, das Weiterbildungsstätten und Pflegeeinrichtungen für Fort- und Weiterbildungen nutzen können. Es gibt insgesamt sechs Module, die sich unter anderem mit Nachhaltigkeit, Planetary Health und der Klimakrise auseinandersetzen. In jedem Modul gibt es ein Fallbeispiel aus einem Pflege-Setting. Anhand dieses Szenarios wird im Modul gearbeitet. Dazu gibt es ein Grundlagenmodul, das Praxisanleitende stets zu Beginn durcharbeiten sollten. Hier geht es unter anderem um die Klimakrise und die Frage: Warum ist das Gesundheitswesen ein Teil-Verursacher der Klimakrise? Die anderen Module sind nicht chronologisch gestaltet und können interessengeleitet – also frei – zusammengestellt werden. 

Worum geht es in diesen zusätzlichen Modulen? 

Körner: Es gibt ein Modul zum Thema Nachhaltigkeit und Hygiene. Im medizinisch-pflegerischen Bereich ist Hygiene häufig ein "Totschlagargument". Wir können nicht nachhaltig sein, wir müssen ja hygienisch arbeiten, so die Logik. Tatsächlich besteht hier aber gar kein Widerspruch und beides lässt sich sehr gut ergänzen. Im dritten Modul geht es um Mentoring-Gespräche, durch die eine Reflektion des eigenen Konsumverhaltens – etwa im Hinblick auf Ernährung oder Mobilität – angestoßen werden kann. Das vierte Modul dreht sich um ressourcenschonende Pflege: Hier geht es exemplarisch um Plastik-Medikamentenbecher. Oftmals werden diese durch Metall-Becher ersetzt, aber man sollte hier vielmehr "out-of-the-box" denken und möglichst ganz auf Medikamentenbecher verzichten. Im fünften Modul geht es um das Thema Hitze. 2024 war ja das heißeste Jahr seit Wetteraufzeichnung. Sehr viele Menschen und insbesondere ältere Personen leiden unter den hohen Temperaturen. Darauf richtig zu reagieren, ist wichtig in der Pflege. Es gibt außerdem ein sechstes Modul, in dem es um klimabedingte Erkrankungen geht. Hier besteht das Szenario darin, dass ein älterer Herr, der von einem ambulanten Pflegedienst betreut wird, bei einem Spaziergang von einer Zecke gestochen wird. Als Praxisanleiterin oder Praxisanleiter kommt man nun mit einem Azubi zu dieser Person und sieht die typische kreisrunde Rötung auf der Haut des Patienten (Anzeichen für Borreliose). Über dieses Szenario kommen wir zum Thema Zeckenstich und schließlich zur Frage: Welche Insekten gibt es mittlerweile eigentlich in Deutschland, die es früher nicht gab? 

Wie sind die Module aufgebaut? 

Seidler-Rolf: Im Aufbau sind die Module aus dem NahtToolkit sehr ähnlich. Das ist beabsichtigt, damit es einerseits einen Wiedererkennungseffekt für die Teilnehmenden gibt und andererseits für die Lehrenden eine Routine im Ablauf der Qualifizierungsmaßnahmen möglich ist. Es gibt immer eine Inputphase zu Beginn eines Moduls, darauf können unter anderem interaktive Elemente folgen wie Kreuzworträtsel, Quizze oder H5P-Videos. Es gibt auch immer Transferphasen, in denen die Teilnehmenden sich Gedanken dazu machen können, wie sie die Inhalte in ihren Alltag integrieren können.

Wie ist dieses Toolkit-Material erstellt worden? 

Körner: Die Lehr- und Lernmaterialien, die wir für die Naht-Module entwickelt und digitalisiert haben, stützen sich auf das evidenzbasierte NurSusTOOLKIT. Wir haben analysiert, welche Inhalte dort noch aktuell sind und welche neu aufbereitet werden müssen. Das NurSus-Material war ja für Auszubildende bzw. Studierende gedacht. Mit Naht richten wir uns jetzt ja an ausbildendes Personal. 

Können Sie Beispiele für nachhaltiges Handeln aus dem Pflegealltag nennen? 

Seidler-Rolf: Im ambulanten Pflegedienst geht man teilweise dazu über, Touren in Innenstadtlage nicht mehr mit dem Auto zurücklegen, sondern mit dem Fahrrad oder manchmal sogar zu Fuß. Das hat ökonomische als auch ökologische Aspekte im Sinne der Nachhaltigkeit. Man kann damit den Verbrauch und die Kosten eines PKW reduzieren und gleichzeitig etwas für die Umwelt tun. Und als Pflegefachperson selbst hat man natürlich den Benefit der eigenen Gesundheitsförderung.

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Pflegeszenario aus dem Projekt Naht

Stoßen Sie bei Pflegefachpersonen eigentlich auch auf Ablehnung gegenüber dem Thema Nachhaltigkeit? 

Seidler-Rolf: Die Pflege steht vor vielen Herausforderungen, die sie bewältigen muss. Nachhaltigkeit steht hier nicht immer an erster Stelle, auch wenn Pflegefachpersonen bewusst ist, dass es ein sehr wichtiges Thema ist. Auch deshalb ist uns wichtig, dass Nachhaltigkeit nicht als "on top"-Thema gesehen wird, sondern als Querschnittsthema. Nachhaltigkeit soll automatisch im Alltag mitgedacht werden. 

Auf welches Rüstzeug können Pflegekräfte hierbei zurückgreifen? 

Körner: Handlungs- und gestaltungskompetent in Sachen Nachhaltigkeit zu sein bedeutet, flexibel auf Dinge reagieren zu können, die man zunächst gar nicht antizipieren kann. Das ist tatsächlich ein Merkmal des Pflegeberufs. Pflegefachpersonen wissen letztlich nie, was auf sie zukommt, wenn sie am Morgen eine Schicht beginnen. Insofern ist es ihnen schon in die Wiege gelegt, sehr spontan und flexibel auf Gegebenheiten reagieren zu können. Gleichzeitig wird verlangt, Dinge schnell und zutreffend zu analysieren. Auch das ist in der Pflege tägliches Geschäft. 

Ist geplant, das NahtToolkit frei zugänglich zu veröffentlichen? 

Seidler-Rolf: Die Materialien, die wir im Rahmen unseres Projekts für das NahtToolkit entwickeln, werden zu Projektende als OER-Material – also frei zugänglich - zur Verfügung gestellt und können nachgenutzt werden. Ebenfalls werden die während der Projektlaufzeit gesammelten Erfahrungen ausgewertet und veröffentlicht, um Empfehlungen für die Pflegeausbildung zu formulieren. An welcher Stelle das Material zugänglich sein wird, wird im Projektverbund noch besprochen.

Publikationen

Körner, N. (2024). Nachhaltigkeitsperspektiven in der generalistischen Pflegeausbildung. In T. Hax-Schoppenhorst (Hrsg.), Das Klimafolgen-Buch (S. 367–378). Hogrefe Bern. http://dx.doi.org/10.1024/86332-000

Hartung, S. & Wihofszky, P. (Hrsg.). (2024). Gesundheit und Nachhaltigkeit. Springer Reference Pflege – Therapie – Gesundheit. Springer Berlin Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-64954-1

Körner, N., Wihofszky, P. , Mazurek, C. und Kelm, K. (2025). Green Hospital – Wenn Pflege und Kliniken gemeinsam ökologisch denken. Dr. med. Mabuse, (angenommen).

Lutz, J.; Seidel, L.; Fleischmann, N. (2024): Nachhaltigkeit in der Pflegebildung. Curriculare Analyse im Rahmen des Verbundprojekts Naht: „Nachhaltiges Handeln in der pflegeberuflichen Bildung“. Poster präsentiert auf: "pflegekongress24 krisen:katastrophen:lösungen=nurses at the table". 28./29.11.2024. Wien, Österreich. 10.13140/RG.2.2.24765.99040

Weinheimer, M., Wihofszky, P., Büker, C., Huss, N.M., Latteck, Ä.-D., Riedel, A., Seidel, L. (2025). Nachhaltiges Handeln in der Pflege. Implikationen für Pflegebildung und Praxistransfer. Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-662-71643-4 

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