Leando: Der Textilindustrie wird nicht nachgesagt, besonders nachhaltig zu sein. Steckt schon deshalb viel Potenzial im Projekt NIBTEX?
Döhler: Die Textilbranche ist die zweitgrößte Konsumgüter-Branche der Welt. In Europa gehören rund 1,5 Millionen Beschäftigte zu ihr. Sie bietet also einen „großen Hebel“, wenn man Veränderungen anstoßen möchte. Global gesehen ist sie sicherlich nicht besonders umweltfreundlich. Ursachen sind ein hoher Wasser- und Energieverbrauch in der Produktion. Hier in Deutschland herrscht allerdings ein ganz anderes Bewusstsein in Sachen Nachhaltigkeit. Die heimischen Unternehmen sind für das Thema sehr offen und im Bereich Nachhaltigkeit bereits aktiv. Außerdem denkt man bei Textilunternehmen schnell an große Modemarken. Das spiegelt aber nicht die Wirklichkeit in Deutschland wieder.
Wie sieht diese Wirklichkeit stattdessen aus?
Döhler: Viele deutsche Textilunternehmen sind kleine und mittelständische Betriebe, die oftmals weniger als 100 Mitarbeitende haben. Sie kommen aus dem Bereich technischer Textilien und stellen textile Flächen her, spinnen hochwertige Garne oder veredeln Textilien. Auch unser Textilforschungsinstitut befasst sich im Wesentlichen mit technischen Textilien und ihren vielfältigen Anwendungs- und Verwendungsmöglichkeiten, etwa für die Bauindustrie oder den Flugzeugbau. Nur durch den Fokus auf technische Textilien konnten sich deutsche Unternehmen in den letzten 20 bis 30 Jahren das Überleben sichern. Für diese Textil-KMU versteht sich das Sächsische Textilforschungsinstitut als Dienstleister, da die Betriebe für viele Fragen keine eigenen Ressourcen haben. Das Projekt NIBTEX ist hierfür ein gutes Beispiel.
Was hat sich NIBTEX zum Ziel gesetzt?
Hösel: Wir planen und erarbeiten Maßnahmen, um das ganzheitliche Konzept der Nachhaltigkeit in Aus- und Weiterbildungsangebote der Textilbranche zu integrieren. Im Speziellen wird das aktuelle Weiterbildungsprogramm des STFI weiterentwickelt und um ein eigenständiges Angebot zum Thema Nachhaltigkeit in der Textilindustrie unter besonderer Berücksichtigung nachhaltigkeitsorientierter Ausbildungskonzepte ergänzt. Im Fokus steht die Stärkung von nachhaltigkeitsbezogener, beruflicher Handlungskompetenz. Darüber hinaus wird die Bereitschaft gefördert, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, um gegenwärtige und zukünftige Generationen zu schützen.
Welche Zielgruppe hat das Projekt?
Döhler: Wir adressieren alle, die ausbildend tätig sind – und zwar im betrieblichen Kontext. Damit ein Unternehmen insgesamt nachhaltiger agiert, müssen ja viele kleine Schritte gegangen werden. Ausbildendes Personal, das als Multiplikator für Nachhaltigkeit in einem Unternehmen wirkt, kann schließlich dazu beitragen, dass alle Mitarbeitenden unternehmerisch nachhaltiger denken.
"Wenn man von organisationalem Wandel im Ganzen spricht, ist es wichtig, dass alle Ebenen eines Unternehmens mitgenommen werden – von den Azubis bis zur Führungsebene."
Fanny Hösel