Direkt zum Inhalt

Wie generative KI leise die berufliche Bildung verändert

Erste Einblicke aus den Interviews des BIBB-Forschungsprojekts "Generative KI in der beruflichen Bildung"

5. März 2026

Im Rahmen des Forschungsprojekts "Generative KI in der beruflichen Bildung" wurden in den vergangenen Wochen intensive Gespräche mit Ausbildungsverantwortlichen aus ganz unterschiedlichen Kontexten geführt.

Im Rahmen des Forschungsprojekts "Generative KI in der beruflichen Bildung" wurden in den vergangenen Wochen intensive Gespräche mit Ausbildungsverantwortlichen aus ganz unterschiedlichen Kontexten geführt – von der Pflegeakademie über die Großindustrie bis zum kleinen Maschinenbaubetrieb, von der IHK bis zum Fernlehrinstitut.

Der stille Wandel

Die KI-Revolution in der beruflichen Bildung ist kein lauter Knall. Sie kommt leise, aber schneller, als viele gedacht hätten. Dietmar Niedziella von der IHK Bielefeld bringt es auf den Punkt: Ich bin selbst überrascht, wie rasant sich die Entwicklung in den letzten zwei Jahren vollzogen hat. Inzwischen nutze ich KI im Grunde täglich. Was ihn dabei besonders beeindruckt: KI löst ein altes Dilemma auf. "Sie sorgt sowohl für höhere Qualität als auch für mehr Geschwindigkeit – zwei Effekte, die selten gleichzeitig auftreten. Umso erfreulicher ist es, wenn beides zusammen möglich wird. Normalerweise gilt ja eher das Prinzip: entweder schnell oder gut."

Die Spanne ist das Spannende

Besonders aufschlussreich ist die enorme Bandbreite, die sich in den Interviews zeigt. Bei ThyssenKrupp Steel berichtet Veit Echterhoff, dass bereits rund 95 Prozent seiner Ausbilder schon einmal mit KI gearbeitet haben und 60 bis 70 Prozent sie aktiv im Ausbildungsalltag einsetzen. Bei der BASF entwickelt das Team unter Stefan Bunzel eigene KI-Apps, mit denen sich Auszubildende selbst testen können. Und die Reaktion der jungen Leute? "Mir kommt es so ein bisschen vor, als ob alle sagen: Wow, endlich gibt es so was."

Am anderen Ende des Spektrums stehen Betriebe, die ganz am Anfang stehen – und auch das ist in absolut bester Ordnung. Eine Ausbildungsleiterin aus einem mittelständischen Unternehmen sagt dazu offen: "Das ist tatsächlich ja bis jetzt noch auf einem sehr niedrigen Stand bei uns. Wobei das übrigens gar nicht Schlechtes heißen muss."

Wenn aus acht Wochen zwei werden

Den vielleicht eindrucksvollsten Beleg dafür, was möglich ist, liefert Liudmila Anthofer. Ihr Team erstellt fachsprachliche Trainingsmaterialien für Beschäftigte mit Migrationshintergrund, ein Bereich, in dem Fachexpertise und didaktisches Feingefühl zusammenkommen müssen. "Früher haben wir für das Erstellen von Materialien mindestens acht Wochen und zwei Mitarbeiter gebraucht – in Vollzeit. Mittlerweile konnte sich diese Zeit auf etwa zwei Wochen reduzieren."

Doch macht eine solche Effizienzsteigerung nicht auch Angst? Anthofer berichtet ehrlich: "Es gab diese Sorgen in der Belegschaft. Und es hat sich aber binnen kürzester Zeit relativiert, weil wir festgestellt haben: Es ist momentan nicht möglich, diese Aufgabe allein der KI zu überlassen." Denn es geht eben nicht nur um fachliche Korrektheit, sondern auch darum, ob das Material bei den Lernenden ankommt, und diese Einschätzung braucht den Menschen.

Auch die kleinen Gewinne zählen

Aber es muss nicht gleich die große Transformation sein. Viele Gesprächspartner berichten von ganz alltäglichen Erleichterungen: eine Ausbildungsleiterin, die bei arbeitsrechtlichen Fragen wie Abmahnungen erst die KI befragt, bevor sie das Gesetzbuch aufschlägt. KI ist dabei kein Ersatz, sondern eine Beschleunigung. Ein IHK-Verantwortlicher, der seine eigenen Texte durch die KI gegenlesen lässt und feststellt, dass die Ergebnisse besser und schneller zugleich werden. Ein Ausbilder im Handwerk, der sich wünscht, Übungsaufgaben für seine fünf Azubis nicht mehr aus teuren alten Prüfungsjahrgängen zusammensuchen zu müssen, sondern sie in Minuten generieren zu können. Und ein Ausbildungsleiter bei ThyssenKrupp, der sich von der KI Impulse für Workshop-Agenden holt: "Die Anregungen waren immer sehr hilfreich." Das sind keine Leuchtturmprojekte. Das sind zehn Minuten, die den Arbeitstag ein Stück leichter machen.

Der Mensch bleibt im Mittelpunkt

Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis, die sich wie ein roter Faden durch alle Gespräche zieht: KI ersetzt nicht, sie verschiebt. Die Tätigkeit wandelt sich – wobei auch das zum aktuellen Zeitpunkt noch zu viel gesagt sein mag –, die Verantwortung bleibt beim Menschen. Bei Freudenberg experimentiert Martin Bechtold mit KI-gestütztem adaptivem Feedback für Auszubildende und sogar mit einem digitalen Avatar als Lerntutor. Der funktioniert technisch bereits erstaunlich gut, nur: "In der Werkstatt haben wir halt einen bestimmten Lärmpegel – mit dem Avatar über ein Mikro zu kommunizieren, ist relativ schwierig." Manchmal sind es eben die ganz praktischen Dinge.

Gerhard Heiss von der Audi AG nutzt KI "sowohl privat als auch beruflich, täglich, mehrmals" – und setzt unter anderem auf Synthesia, um Lernvideos mit digitalen Avataren schnell zu produzieren. Was früher aufwändige Drehtage erforderte, ist heute in einem Bruchteil der Zeit möglich.

Mut zum Anfangen

Was möchten wir Ihnen mit diesen ersten Einblicken mitgeben? Vor allem dies: Es gibt keinen "richtigen" Zeitpunkt und kein "richtiges" Niveau, um mit KI in der Ausbildung zu starten. Die Interviewpartner, die heute am weitesten sind, haben auch irgendwann einfach angefangen – oft ohne Schulung, ohne Leitfaden, ohne institutionellen Rahmen. Und die, die noch am Anfang stehen, berichten von konkreten Situationen, in denen selbst ein erster kleiner Einsatz sofort Mehrwert gebracht hat.

Einen Ausbildungsleiter in der Produktion erinnert die derzeitige Diskussion an ein historisches Bonmot: "Es wird immer ein paar geben, die sagen: KI geht wieder. Es gibt auch diesen Spruch von Kaiser Wilhelm dem Zweiten: Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung. Ich setze auf das Pferd." Das Pferd hat bekanntlich nicht gewonnen.

Weitere Informationen

Das Forschungsprojekt "Generative KI in der beruflichen Bildung" erfasst im Rahmen eines iterativen Mixed-Methods-Ansatzes die Entwicklung der KI-Integration in der beruflichen Bildung und entwickelt darauf aufbauend praxisorientierte Unterstützungsmaterialien. Die hier zitierten Interviews sind Teil der ersten Erhebungsrunde. Weitere Informationen sowie Materialien für den Einsatz von KI in der Ausbildungspraxis finden Sie hier:

Neue Webinarreihe: Wie wird KI in der Berufsbildung bereits genutzt?

Interview mit Dr. Oliver Nahm

Mit KI schwierige Arbeitssituationen für Auszubildende simulieren

KI: Lern- und Arbeitsaufgaben mit ChatGPT erstellen

Leando-Lernwelt: Praxisnahe Unterstützung für Ausbildungskräfte und Prüfungspersonal

Empfohlene Inhalte
Di, 23.02.202710:00 - 12:00